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Beim Frisör

Als ein paar Leute kürzlich Unterschriften gegen die geplante Videoüberwachung in unserem Viertel gesammelt haben, waren sie auch bei meinem Frisör. Der unterschrieb sofort mit der Bemerkung, dass wenn hier gefilmt werden würde, er nicht mehr in Ruhe koksen könnte. Das fanden alle sehr witzig. Ein paar Tage später hatte ich einen Termin bei ihm und musste anschließend über die Videoüberwachung neu nachdenken.

Er ließ mich minutenlang warten. Mir gegenüber saß eine junge Frau, die ziemlich unglücklich aussah, sie hatte eine Haube auf dem Kopf und schien ebenfalls zu warten. Schließlich blickte der Frisör nach 10 Minuten um die Ecke seines Salons und fragte, ob ich einen Kaffee haben wollte. Nach weiteren fünf Minuten hatte ich das Getränk. Der Frisör sprach kurz mit der jungen Frau und kam dann zu mir. Er hockte sich neben mich und fragte, wie er die Haare nun schneiden sollte. Kürzer meinte ich – logisch – und dann, die selbe Frisur, so Jarvis Cocker mäßig, hinten viel weg, vorne weniger und die Kotletten so lassen.
Wohl war mir dabei nicht, denn zwischen seiner Nase und Oberlippe klebte weißes Pulver und sein Schniefen machte mir klar, dass er jetzt auf jeden
Fall motiviert war, Schere und Kamm einzusetzen.

Er stand zweifelsfrei unter Strom, so hatte ich ihn noch nicht erlebt. Er
wollte mir nicht einmal die Haare waschen, sondern gleich zur Sache kommen. Dann drehte er die Musik lauter, man verstand sein eigenes Wort nicht mehr. Ich fragte schreiend, ob er denn Konstantin Wecker gut fände. Er schrie zurück, das sei Jamiroquai, ich nickte nur. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Haare ausgerissen wurden. Angst bekam ich richtig, als er sich daran machte, über den Ohren zu schneiden. Ich spürte, die kalte Schere, wie sie sich schnell und immer schneller vorarbeitete. Doch gelernt ist eben gelernt, meine Ohren blieben heil.

Nun wandte er sich den Haaren auf der Stirn zu, diesmal sah ich die Schere genau vor meinen Augen, die ich vor-sichtshalber schloss, was ein schwerer Fehler war.

Ich saß in meinem ganzen Leben noch nicht so still. Die Session war ebenso schnell beendet wie sie angefangen hatte. Nun konnte ich mich als Voku-Hila bezeichnen. Genau das Gegenteil, von dem, was ich eigentlich wollte. Die uncoolste Frisur, die es gibt auf der Welt: Rudi Völler-Style. Ich sah aus wie einer der hässlichen Deutschen im Video „Three Lions“ von den Lightning Seeds.
It´s coming home – ich dagegen bleibe noch! Der Frisör hatte mich falsch verstanden. Wenn ich mir jetzt noch einen Schnauzbart anklebe sehe ich aus wie mein Vater, dachte ich.

Ich bat ihn, hinten nochmals anzusetzen, weil ich es mir anders überlegt
hätte. Kein Problem, meinte er. Er müsse aber eben mal kurz auf die Toilette...
Die Wartezeit überbrückte ich mit dem blättern in Fachzeitschriften aus dem Bereich Friseurwesen. Als er wiederkam, konkretisierte ich meine orstellung: Alles ab! Mir blieb nicht vielmehr übrig. Jetzt sehe ich zwar aus wie ein Skinhead, aber das ist doch auch irgendwie britisch. Die letzte Hürde waren die Kotletten. Er kürzte die linke Seite, dann die rechte Seite, dann wieder die linke. Mein Kotletten schrumpften und schrumpften, bis sie nur noch rudimentär vorhanden waren.

Kurz darauf wurde mir die Rechnung präsentiert: 18 Euro! Alles schrumpft,
ging es mir durch den Kopf. Meine Haare, mein Vermögen – dagegen muss etwas getan werden. Ich weiß nur nicht was...

robert

 

„i´m ready for love“ (martha reeves & the vandellas)

neben diversen lesungen und konzerten finden im roten salon der volksbühne auch regelmäßig britpop-partys und northern soul allnighter statt. northern soul genau zu definieren ist ein ziemlich schwieriges unterfangen, weil es letztlich jedem selber überlassen bleibt, welche bands und interpreten in diese schublade gesteckt werden. der begriff wurde anfang der siebziger jahre von einem englischen musikjournalisten geprägt, der damit die treibenden, schnellen up-tempo songs meinte, die sich schon ihrer geschwindigkeit wegen vom eher „ruhigen“ herkömmlichen(southern) soul unterschieden. die erste northern soul (retro-)welle setzte in deutschland mitte der achtziger ein und hielt sich bis mitte der neunziger jahre. auf den allnightern versammelte sich ein potpourri der jugendkulturen, out on the floor wurde geshakt was das zeug hielt. vor allem in eingeschworenen mod- und skinheadkreisen wird die musik bis heute geliebt und hochgehalten. neben dem roten salon in der volksbühne finden auch im pavillion des volksparks friedrichshain
regelmäßig soul partys statt. auf der „soul explosion“ mit boogaloo
pussycat und dj soulpusher ist alles erlaubt, ausser cd´s und 12-inches.
movin' on!

„hi freaks“ (tocotronic)

interessant ist, jetzt einmal nur für den „indie-bereich“ gesprochen, wie sich die szene in berlin ausdifferenziert hat. dj-teams wie geheime gesellschaft, ship-shape-club, stardust melodies club, karrera klub, pop wash etc. bewegen sich im gleichen popkulturellen kontext und setzten doch ganz unterschiedliche akzente.

während der karrera club die meisten leute zieht und damit zwangsläufig konsens- und hitorientierter auflegt, weiß man bei den anderen nie so genau was am abend passiert. die leute vom stardust melodies club beispielsweise sind jeden ersten freitag im monat im zosch an den turntables. das standartrepertoire indie, rock, beat und britpop wird immer wieder gebrochen durch ein-
schübe, mit denen man nicht
rechnen kann. manchmal
funktioniert das, manchmal
auch nicht... das zosch ist ver-
gleichbar mit dem riesa efau in
dresden, ziemlich gemütlich,
erfreulich niedrige preise und
fast die einzige oase in
berlin-mitte. vor kurzem feierte
der stardust melodies club im
zosch sein zweijähriges jubi-
läum, zu den gratulanten
gehörte unter anderem martin petersdorf (radio fritz), dessen zwei-
stunden-set keine weiteren fragen offen ließ, höchstens die, was für geile
bands das eigentlich waren, die er die ganze zeit aufgelegt hat.

während der stardust melodies club eine feste adresse hat, taucht die geheimgesellschaft dort auf, wo man sie am wenigsten vermutet. das erste mal habe ich sie in einem dunklen keller unweit des hackeschen marktes gesehen, das deejaying war mindestens so finster wie die location. das nächste mal waren die jungs dann in der kalkscheune bei der „schönen party“ von radioeins engagiert, und sie haben gezeigt, das sie es absolut drauf haben. wenn man wissen möchte, ob sich lee hazelwood mit den neusten bastardpop-kreationen verträgt, liefert die geheimgesellschaft die antwort...

robert

ganz hoch ^


   
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