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"greif zur feder, kumpel!"

im open-mic können texte veröffentlicht werden, die im weitesten sinne literarisch sind oder mit literatur zu tun haben (gedichte, kurzgeschichten, rezension, was auch immer...).

wenn ihr interesse habt, schickt euer material einfach an pop-8@web.de, betreff: open-mic.

Wo ist zu Hause, Leipzig?

Das schwierige Erbe der sozialistischen Architektur: In Leipzig fragt das
Kunstprojekt "Heimat Moderne, Experimentale 1, Leipzig 2005" nach dem
aktuellen Nutzungspotenzial der Ostmoderne

von ROBERT HODONYI

Endstation Leipzig-Hauptbahnhof. Aussteigen. Ein trüber Morgen.
Schneeflocken schweben über den Asphalt. Es ist bitterkalt. Wie kommt man von hier ins Musikviertel? Die zwei durstigen Männer am Imbiss schauen sehr argwöhnisch bei dieser Frage. Sie frühstücken Bier aus Büchsen. Das Viertel scheint in bestimmten Kreisen keinen sehr guten Ruf zu genießen, klingt ja irgendwie auch nach Boheme. Hier stehen unter anderem die Hochschule für Musik und Theater, repräsentative Gründer-zeitbauten und prunkvolle Stadtvillen, immer wieder durchbrochen von elfgeschossigen Wohnscheiben aus den Siebzigerjahren und einzeln stehenden Punkthochhäusern: 19. vs. 20.Jahrhundert, bürgerliche Re-präsentation vs. sozialistischer Wohnkomplex.

Von Anfang März bis Ende April ist das Viertel erste Station des Projekts
"Heimat Moderne, Experimentale 1, Leipzig 2005". Während der Fahrt mit dem Bus ins Musikviertel noch Sequenzen des vor kurzem gesichteten Films "Ist Leipzig noch zu retten?" vor Augen. Unter dieser Überschrift strahlte das DDR-Fernsehen im November 1989 eine architekturkritische Reportage aus, die eine schonungslose Bestandsaufnahme planwirtschaft-licher Wohnungsbaupolitik vornahm und die ein düsteres Bild der Zukunft zeichnete: "Bilder, die wehtun, und die wir so bislang nicht zeigen durften, weil sie das Lackbild unserer Selbstzufriedenheit beschädigt hätten", heißt es im Sprachduktus der unmittelbaren Wendezeit. Behutsame Kamera-fahrten entlang von Gründerzeitquartieren des Leipziger Südwestens zeigen eine traurige und nicht enden wollende Ruinenlandschaft aus Altbauten mit begrünten Regenrinnen, maroden Dächern und bröckelnden Fassaden.

Nichts von alldem erkenne ich während der Fahrt mit dem Bus ins Musik-viertel wieder, das ebenfalls Richtung Südwest liegt. Aus heutiger Sicht gewinnt der Titel des Films erneute Relevanz und Brisanz, das jedoch unter vollkommen anderen Vorzeichen, da inzwischen vor allem die Grammatik sozialistischer Architekturen nach und nach aus dem Stadtbild Leipzigs getilgt wird. Was hätte Franziska Linkerhand dazu gesagt? Formulierte die junge Architektin in Brigitte Reimanns Roman nicht die Utopie sozialistischer Architektur, in dem sie Häuser bauen wollte, "die ihren Bewohnern das Gefühl von Freiheit und Würde geben, die sie zu heiteren und noblen Gedanken bewegen …"?

Aussteigen. In der Villa Sieskind, einem ehemaligen Hotel im historistischen
Stil, wird das disziplinenübergreifende Projekt "Heimat Moderne" vorge-stellt. Die Kulturstiftung des Bundes, die "Heimat Moderne" fördert,
weil es eben nicht nur um die Bespielung einzelner symbolischer Topo-grafien Leipzigs geht, sondern um deren Vernetzung; und die daran beteiligten Gruppen und Institutionen, die aus den Bereichen Bildende Kunst (Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig), Theater (raum 4), Musik (Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig e.V.), Architektur und Stadtplanung (Büro für urbane Projekte, General Panel) stammen.

Über fünfzehn Jahre nach "Ist Leipzig noch zu retten?" und seinem Plädoyer für eine nachhaltige Altbausanierung statt zügelloser Abtragung geht "Heimat Moderne" dem Erbe der Ostmoderne nach. Ein wenig bewegt sich das Projekt dabei in der Tradition der 1. Leipziger Volksbau-Konferenz, an der im Januar 1990 über tausend engagierte Bürger teilnahmen und die einen generellen Abrissstopp für die Stadt bewirkten. Im Konzept zu "Heimat Moderne" heißt es diesbezüglich: "Auch in Leipzig ist - wie vieler-orts - die Nachkriegsmoderne zu einer Störstelle im Stadtbild geworden. Hier steht etwa die in den 1960er-Jahren erbaute, denkmalgeschützte Hauptpost am Augustusplatz zu großen Teilen leer, am Brühl sollen drei Wohnhäuser Neubauten weichen, ähnlich wie vor Jahren das Messeamt am Markt." Weitere architektonische Zeugnisse der Ostmoderne, etwa die Fußgängerbrücke über den Goerdelerring oder das Tourist-Informations-zentrum am Sachsenplatz, wurden zugunsten des neuen Stadtumbaus beseitigt. Teile von Denkmalensembles, so Gebäudekomplexe der Uni-versität Leipzig am Augustusplatz, stehen zur Disposition.

Vergleichbar der temporären ästhetischen Verwandlung des Palastes der
Republik im vergangenen Jahr zum "Volkspalast" oder während des
Kunstprojektes "Dresden Postplatz" (2003) ist auch "Heimat Moderne" nicht an einer Musealisierung hoch kodierter Architekturen und Stadträume gelegen. Vielmehr werden urbane Interventionsstrategien entwickelt, die künstlerische Praxis, politische Theorie und akustische Ansätze an exemplarischen Orten - dem Musikviertel, dem Augustusplatz sowie dem Areal Brühl/Robotron - verknüpfen sollen. Der wegwerfenden Geste gegenüber der sozialistischen Moderne auf der einen Seite will "Heimat Moderne" auf der anderen Seite mit der öffentlichen Auslotung von deren aktuellem Nutzungspotenzial begegnen. So darf man etwa gespannt sein auf die Beschallung des Augustusplatzes durch Hanns-Eisler-Chöre oder auf die Generierung eines Proteststadtplans durch die Gruppe General Panel, um nur zwei von über siebzig Veranstaltungen und Aktionen zu nennen.

Deutlich wurde allerdings bei der Eröffnung zugleich, dass verstärkt der
Zusammenhang von Architektur und einer nicht näher spezifizierten
(städtischen?) Identität fokussiert wird. Auf der gemeinsamen Stadtrund-fahrt wurde das Terrain erkundet. Inwieweit dabei beispielsweise Kurt Nowotnys "Hauptpost" (1961-1964) - ein siebengeschossiger Stahl-betonskelettbau mit einer Vorhangfassade aus Aluminium - als ein Identität konstituierender Faktor für die Stadt oder ihre Bewohner an-gesehen werden kann und wie so etwas verifizierbar sein soll, ist an dieser Stelle nicht zu beantworten. Zwar wurde von den Organisatoren betont, dass es "die Heimat" ebenso wenig gibt wie "die Moderne" und dass beides changierende Begriffe mit hoher Bedeutungsvielfalt seien, aber darauf wäre man auch selbst gekommen. Die begriffliche Unschärfe, die sich durch die semantische Kombination noch verstärkt, ist möglicher-weise gewollt, da sie in diesem Fall ein breites Spektrum von Assoziationen und künstlerischen Ansätzen zulässt.


Bis 11. September 2005
www.heimatmoderne.de
taz Nr. 7634 vom 8.4.2005

Lieblingsphänomene I: Der Boxtänzer

Wer Paris kennt, weiß, es ist eine ganz annehmbare kleine europäische Hauptstadt... Der gemeine Besucher mit schick ausgeprägtem Musik-geschmack muss jedoch bald feststellen, dass die ortsansässige Indie-Pop-Fangemeinde eher unvergleichlich klein ausfällt... Sehr schade! Um so mehr freut man sich nach längerer Suche, endlich einen Ort des Geschehens entdeckt zu haben und diesen wunderbar ins eigene Répertoire der Weggeh-Favoriten aufzunehmen!

Meiner hieß Pop-In, im 11. Arrondissement, nicht zu weit von der Bastille aber im Allgemeinen natürlich nicht zu weit, da beste Ausgeh-Musik in town...
Das Pop-In ist also eine klitzekleine Bar mit (für Paris) konsumenten-freundlichen Preisen, angenehmem Publikum und schicker Musik inklusive integrierter mini-Tanzfläche... Oh Ort des Ohren- und Augenschmaus! Dort gab es ihn, der, an dem der Blick haften bleibt... Er besticht bereits durch seine einschlägige Frisur, an Jarvis Cocker erinnernd, aber nur ein bisschen und ohne Brille, doch er wirft sich weniger in Pose.
Eine wunderbar geheimnisvolle Ausstrahlung, nicht auf den ersten Blick hübsch oder umwerfend, nein eher von einer sich langsam einschleich-enden Sympathie. Er lächelt nicht, ist einfach ruhig und ohne Spannun-gen...
Aber wenn er zu tanzen beginnt tanzt alles und niemand um ihn herum...
In den Ecken des kleinen Raums, viel zu heiß und mit tiefroten Wänden, stehen große Boxen, die alles liefern, was er braucht. Er tanzt umwerfend mit ganz viel Kraft aber ganz leise, gar nicht exzentrisch und doch völlig bemerkenswert, burschikos, bebend und allen Raum einnehmend... Alle Aufmerksamkeit sollte ihm gebühren, die seinige gehört nur der Box, der Musik, die aus ihr dringt und er wendet sich nur ihr zu. Anscheinend ist er gar nicht da, nicht im Raum mit den anderen, sieht mich nicht... Tanzt mit dem Rücken zum Raum und geht einfach in der Musik auf!
Man muss ihn ansehen den Boxtänzer, lange und bewundernd - ein kleines Phänomen... Mein Lieblingsphänomen im Pop-In.
Das sollte man unbedingt besuchen.

Pop-In, 105, rue Amelot, Paris 11. Arr.

maxili

 

Gender Studies und Spinnen

Gestern mittag beim Frühstück habe ich sie entdeckt. Eine wohlgenährte Kreuzspinne in ihrem Netz, das sich über weite Teile meines Küchen-fensters erstreckt. Spinnen rufen bei mir ein Reaktionsgemisch aus Ab-scheu und angstgenährter, brutaler Gewalt hervor, aber geschützt durch die Glasscheibe überwog das Interesse, ihr ein wenig zuzuschauen. Und als hätte sie um meine Neugier gewusst, machte sich diese Kreatur bald daran, ein Opfertierchen in ihre Fäden einzuwickeln und dann einmal quer durchs Netz zu schleppen.

Ich fing an, diese Spinne zu bewundern. Denn man ist eigentlich die coolste Sau in der ganzen Raubtierwelt, wenn man einfach eine Falle baut und dann, zurückgelehnt und faul, zusehen kann wie einem sein Futter von selbst zuläuft. Ja, ich möchte diese Spinne sein und mich kaputtlachen über all die Löwen, Tiger und das andere Pack. Die haben es zwar ge-schafft, große Wappentiere und mächtige Symbole zu werden, sind aber trotzdem dazu verdammt, ihrer Beute hinterherzurennen und sich körper-lich zu verausgaben. Davon abgesehen ist das, wofür sie bewundert werden, nur eine Paarung aus Muskelkraft und Aggression. Also eigentlich verachtenswert und dumm. Gut, intelligenter als andere Tiere können Spinnen nicht sein, aber ihre Methode ist zweifellos die schlauere: Ständig herumhängen und trotzdem (oder eben gerade dadurch) ordentlich zu Potte kommen.

Und dann dämmerte es: Die Spinne war in diesem Moment das einzige Raubtier, das mir einfiel, das grammatikalisch weiblich ist. Und das ist kein Zufall! Sie ist passiv, sie ist stellt Fallen, sie lauert im Hinterhalt – Spinnen könnten meterlange Schwänze haben und würden dadurch kein Bisschen männlicher. Analog dazu die Hyäne. Es gibt auch keinen mir bekannten Begriff für die männlichen Vertreter der Spinnen oder Hyänen. Anderswo hat man Gänse/Ganter, Katzen/Kater, und selbst umgekehrt sind alle gestelzt-femininen Kreationen auf –in irgendwie natürlich geworden, aber hier wurde es scheinbar gar nicht erst versucht. Müssen wir eben mit den Spinnen-Männchen leben. Noch ein Beispiel: die Schlange. Das Schema bleibt dasselbe. Geheimnisvoll, die berühmte gespaltene Zunge und so fort.

Wir verallgemeinern: Nahezu Alles was hier im Tierreich kein ´der‘ vorm Namen hat ist passiv, mysteriös, unscheinbar, hinterhältig, und deswegen zu meiden. Darüber hinaus kommen Schlange, Spinne, Hyäne etc. aus-schließlich in negativen Redewendungen vor. Bärenstark, Adlerauge, alter Fuchs vs. hyänenhaft, Netze gesponnen, falsche Schlange. Das hat gerade diese eine Spinne an meinem Fenster als Tier mit der allerbesten Jagd-strategie von allen nicht verdient! Den Feministinnen wirds auch gefallen: Die Wahrnehmung der Tierwelt als eine weitere Manifestation der phallo-kratischen, patriarchalischen Herrschaft des Machismo. Oder so ähnlich.

Deswegen: Die Spinne als Wappentier! Aus zoologischen und feministischen Gründen. Aber nur hinter Glas oder als Symbol – alle anderen werden weiterhin erschlagen.

Robert Lewetzky

Zwei Farben Grau

Gerhard Richter hat der Gemäldegalerie Neue Meister in Dresden 41
seiner Werke als Dauerleihgabe überlassen. Darunter auch solche, die
die Nazizeit aus der Familienperspektive Richters behandeln

VON ROBERT HODONYI

Nein, als ein geschichtsträchtiger Tag sei die Ankunft in seiner Geburts-stadt nicht zu werten. In den letzten Monaten hätte er Dresden ja
schon öfters besucht. Für Gerhard Richter (72), der am vergangenen Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz drei neue Räume mit seinen Bildern, Glas- und Spiegelarbeiten in der Galerie Neue Meister im Albertinum einweihte, sei Bedingung der Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gewesen, so der Künstler mit einem Augen-zwinkern, dass der "graue Kasten" erst einmal renoviert werde. Richter, der sonst eigentlich nichts gegen die Farbe Grau einzuwenden hat,
meinte damit die leicht heruntergekommenen Räume im zweiten Obergeschoss des Albertinums.

Hier sind jetzt an frisch geweißten Wänden 41 Werke ausgestellt, die einen Querschnitt der letzten 40 Jahre seines Schaffens zeigen. Damit besitzt Dresden eine der weltweit größten Richter-Sammlungen über-
haupt und kann selbst mit dem MoMa-Bestand konkurrieren. Die Dauerleihgaben aus dem Besitz des Künstlers und privater Sammler führten dementsprechend zu einer veränderten Konzeption der Galerie Neue Meister. Seltsam selbstkritisch heißt es dazu im Katalog: "Er gibt
den ins Schwimmen geratenen Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Halt, indem er die für ein Museum der modernen Kunst existenzbe-drohende Lücke im Bereich der Gegenwartskunst mit einem Block von
herausragenden Werken exemplarisch schließt. […] Dieser Vorgang ist
für das Albertinum mehr als nur ein Glücksfall, es eröffnet nach mehr als
70 Jahren Perspektiven für eine veränderte Zukunft, weil mit Gerhard Richter die Gegenwart auf einem ganz neuen Niveau in den Dresdener Museen Einzug hält."

Hatte man es bisher versäumt, Gegenwartskunst repräsentativ und breit
auszustellen, unter anderem, weil man konsequent an den traditionellen
Schwerpunkten der Galerie - der romantischen Malerei des 19. Jahrhunderts sowie der klassischen Moderne - festhielt, bedeuten die
drei Richter-Räume zugleich eine stärkere Orientierung auf das späte 20. Jahrhundert, wie bereits im neuen Titel der Dauerpräsentation deutlich wird: "Von Caspar David Friedrich bis Gerhard Richter".

Richter, der sich als Betriebsmaler für Agitprop-Transparente durchschlug,
bevor er 1952 an der Dresdener Kunstakademie angenommen wurde,
hat die Hängung und Auswahl der Werke in Eigenregie ausgeführt. Das älteste Bild in der Ausstellung stammt von 1963, aus demselben Jahr, in dem der Künstler zusammen mit Konrad Lueg in einem Düsseldorfer Möbelhaus die berühmte Ausstellung "Leben mit Pop - Eine Demon-
stration für den Kapitalistischen Realismus" in Szene setzte. Arbeiten
aus seiner Dresdner Zeit, die 1961 mit der Übersiedlung in die Bundesrepublik endete, sind nicht zu sehen. Die meisten dieser Arbeiten gelten allerdings als verschollen. Über Jahre wollte der Künstler auch nichts von seiner Dresdner Vergangenheit wissen. Und von der Ver-gangenheit, die in diese Vergangenheit hineinragte.

Trotz der berühmten Bilder, die die Nazizeit aus der Familienperspektive
behandeln, wie "Onkel Rudi", wusste Richter bis heute nichts von der
verbrecherischen Medizinkarriere seines Schwiegervaters, Heinrich Eufinger, wie jetzt ein Artikel im Berliner Tagesspiegel enthüllt. "Herr Heyde", das Porträt des Strategen des Euthanasieprogramms, funktion-iere wie eine klassische Deckerinnerung Richters bezüglich seines Schwiegervaters, meint der Autor Jürgen Schreiber.

Die Konzeption der neuen Richter-Räume in Dresden bestimmt keine lineare Erzählstruktur oder chronologische Anordnung. Im ersten Raum dominieren die auf Grundlage des inzwischen selbst zum Kunstwerk avancierten "Atlas der Fotos, Collagen und Skizzen" entstandenen fotorealistischen Arbeiten der Sechzigerjahre wie "Tote" (1963), "Sekretärin" (1964) oder "Motorboot" (1965). Das für Richter wichtige Prinzip der Serie, die Anordnung von Werkgruppen zu Reihen, kann man ebenfalls im ersten Raum beobachten: Die Porträts der "Acht Lern-schwestern" (1971) korrespondieren etwa mit den unmittelbar darunter angeordneten gleichformatigen abstrakten Arbeiten, die Ende der Neunzigerjahre entstanden sind. Eines der neuesten Bilder, die Arbeit
"14. Februar 1945" (2002), stellt einen Bezug zu Dresden her: Die Stadt-ansicht aus der Luftperspektive nach dem Angriff der Alliierten in der
Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Das Bild könnte leicht mit einer der vielen herkömmlichen Stadtansichten Richters verwechselt werden, wären da nicht die zahlreichen Bombenkrater. Man kann darüber nachdenken, ob es eventuell sinnvoll gewesen wäre, ein Bild aus dem zweiten Raum, nämlich "Onkel Rudi" (1965/2000), das in typisch grauer Unschärfe und Verwischung einen lächelnden Deutschen in Wehrmachts-uniform zeigt, in unmittelbare Nachbarschaft des "14. Februar 1945" zu hängen. Damit wäre ein Zusammenhang von Ursache und Wirkung hergestellt, der in Dresden ab und zu ausgeblendet wird, gerne dann, wenn Jörg Friedrich eine seiner Lesungen in der Stadt abhält.

Neben "Onkel Rudi", den bekannten "Zwei Kerzen" (1982), der Farbfeldmalerei aus den Siebzigerjahren, der etwas verloren wirkenden "Wolkenstudie" (1970) und dem an die Vanitasmotivik angelehnte "Schädel" (1983) befindet sich im zweiten Raum unter anderem auch das Bild "Fels" (1989), welches Richter im November 2002 für die Auktion anlässlich der flutgeschädigten Staatlichen Kunstsammlungen gestiftet hatte. Für 2,6 Millionen Euro wurde das Gemälde damals in der Neuen Nationalgalerie neben Werken von Baselitz, Immendorff und Lüpertz versteigert. Der dritte neue Richter-Raum ist ganz den abstrakten Bildern vorbehalten, die größtenteils in den Neunzigerjahren entstanden sind
und die jüngste Schaffensperiode des Künstlers markieren.


taz Nr. 7443 vom 24.8.2004, Seite 17.

 

Noch ein Phaeton, noch ein Bild
Bizarre Momente der Rezeption: In der Gläsernen Manufaktur von Volks-wagen in Dresden lässt sich derzeit Malerei bewundern. Die Ausstellung "Fehlfarben" bringt Kunst in die Fabrik. Ob die Kunst aber, wie ange-kündigt, gleichberechtigt neben der Wirtschaft steht, darf bezweifelt werden

VON ROBERT HODONYI

In einer Werbebroschüre der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden heißt es: "Genießen Sie den unmittelbaren, freien Blick auf die Fertigung unserer Automobile. Nur durch eine Glasscheibe getrennt werden Sie Zeuge einzigartiger Prozesse in außergewöhnlichem Am-biente." Der Einblick in die Fertigung des VW-Modells Phaeton wird dieser Tage um aktuelle Positionen moderner Malerei ergänzt. In Zusammen-arbeit mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entstand die von Ulrich Bischof und Birgit Dalbajewa kuratierte Ausstellung "Fehlfarben. Neue Malerei aus München, Dresden, Leipzig, Berlin", die sowohl im Residenzschloss als auch in der Gläsernen Manufaktur zu sehen ist. Das Projekt stellt den Beginn einer längerfristigen Kooperation beider Insti-tutionen dar. Es widmet sich dabei ganz der Malerei und setzt damit den viel zitierten Trend zu Leinwand, Farbe und Pinsel in der zeitgenössischen Kunst fort, wie er bereits im vergangenen Jahr in den Ausstellungen "deutsche malerei zweitausenddrei" (Frankfurt am Main), "Painting on the Roof" (Mönchengladbach) und "Painting Pictures" (Wolfsburg) vorgeführt wurde.


( Foto: Frank Dehlis)

Im Mittelpunkt des Ausstellungskonzepts stehen von der Natur und der architektonischen Wirklichkeit abweichende Farben, deren Verwendung sich vor allem in digital hergestellten Bildvorlagen spiegelt. "Fehlfarben signalisieren einen Bruch im Farbenspektrum der modernen Malerei - so wie die Gläserne Manufaktur einen Bruch im üblichen Verständnis einer Fabrik bedeutet", heißt es im Katalog. Ob die gezeigten Bilder wirklich "künftige Sehgewohnheiten einüben" und ob, damit angeblich korrespond-ierend, die Formen- und Farbensprache der Gläsernen Manufaktur tat-sächlich dem "Bild der Fabrik der Zukunft" entspricht, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. Bemerkenswert ist die Hervorhebung des Standorts für die ausgestellten Kunstwerke allemal. Die damit verbundene Tendenz zur Ökonomisierung der Kunst, welche vor allem topografisch und auf der Ebene der Wahrnehmung vollzogen wird, lässt aufhorchen.

Die Bilder in der VW-Fabrik von Martin Borowski, Eberhard Havekost, Martin Kobe, Wolfgang Koethe, Uwe Kowski, Peter Krauskopf, Sophia Schama und Rosa Loy werden zur Staffage des industriellen Herstellungsprozesses. Gegen die silbrige Dominanz und futuristische Ästhetik der Innen-architektur sowie gegen den Takt der ständig sichtbaren Fließbänder und Hängemontagen kommen sie jedenfalls nur schwer an. Ihre Hängung an den teilweise extra eingebauten Ausstellungssystemen ist so gewählt, dass bestimmte Bildsujets formal mit architektonischen Details der Fabrik harmonieren. Eberhard Havekosts Arbeit "Stuhl" (2003) zum Beispiel, das die Fassade eines Hauses mit vier übereinander angeordneten Loggien zeigt, findet ihre Fortsetzung im balkonartigen Abschluss der Wand ober-halb der so genannten "Orangerie" der Gläsernen Manufaktur.

Martin Borowskis "Lobby II" (2002), vom Format her ein lang gestrecktes Rechteck, dessen graue Umgrenzung beim ersten Blick an einen Bildschirm erinnert, hängt in Nachbarschaft von mehreren Breitwandmonitoren mit Touchscreens, die interaktiv auch die letzten Wissenslücken hinsichtlich des VW-Phaetons schließen. Die "Ablage" im gleichnamigen Bild von Rosa Loy kann in Bezug gesetzt werden zum schräg dahinter befindlichen Fahr-stuhlsystem. Es ergeben sich auch bizarre Momente der Rezeption: so etwa, wenn man vor Sophia Schamas Bild "Technoide Landschaft 1." (1998) steht und gleichzeitig seitlich davon VW-Monteure in weißen Overalls bei der Arbeit im Qualitätssicherungsbereich zusehen kann. Kunstbetrachtung, touristischer Blick und Voyeurismus verschränken sich.

Kunst und Wirtschaft sollen in der Gläsernen Manufaktur als gleichbe-rechtigte und diskursmächtige Felder nebeneinander gestellt werden: "Die Verknüpfung von ,Art & Economy' macht deutlich, dass Kunst und Wirt-schaft gleichberechtigt teilhaben an dem öffentlich ausgetragenen Diskurs über Kontinuität, Tradition und Erneuerung", formuliert Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, im Vorwort des Katalogs. Offen bleibt in diesem Zusammenhang jedoch, von welcher Kontinuität, Tradition und Erneuerung hier überhaupt die Rede ist. "Art & Economy" heißt heute zunehmend, wie Isabelle Graw kürzlich in der taz berichtete, die warenförmige Verfügbarkeit künstlerischer Arbeiten für den Markt unter Ausschaltung von Produzenten und Kritikern. Kunst wird wie andere Luxusgüter auch gehandelt, konsumiert und zum reinen Tausch-objekt. Insofern ist es kein Widerspruch, wenn der Parcours durch die Gläserne Manufaktur neben Luxuskarossen auch Bilder zeigt, die für die meisten Besucher ebenso unerschwinglich bleiben wie ein VW-Phaeton.

Ausstellung bis zum 30. Mai
taz Nr. 7354 vom 10.5.2004, Seite 15.



Frank Richter & Franz Beckenbauer

Fußballprofi sollte ich werden. Das war der Wunsch meines Vaters und
irgendwann auch mein eigener. Geschafft habe ich es lediglich bis zum
„Kinderzimmerfußballer“, wie mich mein alter Sportlehrer, Herr Fischer, einmal höhnisch nannte. Doch der Reihe nach:

Mit sechs Jahren nahm ich das Training auf. Zu meiner Einschulung, 1983,
bekam ich meine ersten „Töppen“ geschenkt, ein tschechisches Fabrikat mit Gummi-Noppen. An die Stelle des von mir sehr geschätzten Hinterhofs unseres Neubaugebietes mit seinen Verstecken, Winkeln und Geheim-nissen trat nun die Tristesse und Leere des Boltzplatzes, den ich zwei- bis dreimal in der Woche aufsuchte. Ich gewöhnte mich an die Regelmäßigkeit des Trainings und konnte mir bald nichts anderes mehr vorstellen, als Fußball zu spielen und Fußball im Fernsehen zu schauen. Selbst in meiner Freizeit spielte ich hinter unserer Schule Fußball.

Der Trainer unserer Mannschaft hieß Herr Eufe und war ein durch und durch ehrgeiziger Mann, besonders was seine Laster anging. Er rauchte wie ein Schlot und hatte zu den Punktspielen Samstagvormittag nicht selten eine strenge Alkoholfahne. Diese Eigenschaften vertrugen sich durchaus mit unserem Vereinsnamen: Empor Tabak Dresden. Wir waren, wenn man so will, die drittbeste Adresse in Sachen Fußball, damals Mitte der Achtzigerjahre in Dresden. An zweiter Stelle stand Dynamo Heide und an vorderster Front natürlich Dynamo Dresden.


Fußballmeister der DDR 1978
(Hintere Reihe von links: Gert Heidler, Reinhard Häfner, Frank Richter, Hans-Jürgen Dörner, Matthias Müller, Klaus Müller, Dieter Riedel, Rainer Sachse
Mittlere Reihe von links: Gerhard Prautzsch (Trainer), Karsten Petersohn, Udo Schmuck, Gerd Weber, Hartmut Schade, Andreas Trautmann, Matthias Döschner
Vordere Reihe von links: Peter Kotte, Jörg Klimpel, Claus Boden, Bernd Jakubowski, Christian Helm)

(Quelle: www.dynamo-dresden.de)

Eine Arbeitskollegin meiner Mutter war verheiratet mit einem Stürmer, der
Ende der Siebzigerjahre für Dynamo Dresden einige Tore schoss, aber ansonsten fast immer verletzt war und schon damals, als ich ihn kennen-lernte, seine Karriere an den Nagel gehangen hatte: Frank Richter. Dieser Frank Richter wurde nun zu meinem Vorbild. Ich musste um den Häuser-block rennen, wie es Frank Richter in seiner Jugend getan hatte. Ich musste den Ball jonglieren können, wie Frank Richter. Frank Richter fuhr sogar mit uns in den Urlaub nach Ungarn. Von meinen fußballerischen Fähigkeiten nahm er gar nichts, nur wenn mein Vater ihn explizit darauf hinwies, etwas war. Schließlich konnte mein Vater Frank Richter doch davon überzeugen, ein Probetraining bei Dynamo Heide zu arrangieren, welches ich kurze Zeit später absolvierte, aber leider nicht bestehen
konnte. Getestet wurde ich von einem Herrn Baron, der heute Trainer des
Oberligisten FV Dresden Nord ist, dem Nachfolgeclub von Dynamo Heide.

Mein Vater gab nicht auf. Ihm wurde bewusst, dass es mir im Vergleich mit
Gleichaltrigen an Kraft und Durchsetzungsvermögen fehlte. Nun stieß ich zu
meinem zweiten Vorbild jener Tage: Franz Beckenbauer. Mein Vater hatte irgendwo gelesen, dass Franz Beckenbauer einen jugoslawischen Trainer hatte, der ihn zwang, viel zu essen. Ob das stimmt, weiß ich bis heute nicht, damals glaubte ich es jedenfalls. Von nun an bekam ich Mittags immer zwei Portionen. Ich gab mein bestes, aber kräftiger wurde ich davon nicht. Die zweite Beckenbauer-Lektion bestand darin, die Angst vor dem Ball zu verlieren, die bei mir zweifellos vorhanden war. „Franz Beckenbauer hat das ausgehalten und Du kannst das auch“, sagte mein Vater, bevor er aus drei Metern Entfernung den Ball in Richtung meines Körper wummerte und ich die Hände nicht zu Hilfe nehmen durfte, um abzuwehren.

In den folgenden Jahren spielte ich immer besser, aber nie richtig gut. Es
reichte im Grunde nur für Empor Tabak. Dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf und träumte von einer Karriere bei Dynamo Dresden. Während meine
Altersgenossen begannen, sich für das andere Geschlecht zu interess-ieren, interessierte mich immer nur die nächste Mannschaft, mit der wir es zu tun hatten. Ich führte ein ausführliches Spielertagebuch, in dem ich Punkte und Tore, Siege und Niederlagen eintrug.

Mein damaliger Sportlehrer kannte meine Pläne. Da er mich nicht leiden
konnte, machte er mich einmal vor der gesamten Klasse in der Sportstunde runter. Ich sei ein Kinderzimmerfußballer, sagte er. Und dass ich vom großen Stadion träumen würde, vom Elfmeter in der 90. Minute, den ich dann verwandle. Ganz unrecht hatte er damit nicht, aber so ist es nun mal in diesem Alter. Jedenfalls gefiel das Wort „Kinderzimmerfußballer“ einigen aus meiner Klasse ziemlich gut, so dass ich es noch eine Weile zu hören bekam.

Als ich 13 Jahre alt war kam dann die politische Wende und Deutschland wurde wiedervereinigt. Mein Vater verlor das Interesse an meiner Karriere als Fußballer. Es sagte, jetzt könne man bald so oder so in den Westen reisen, dafür braucht man kein Fußballer zu sein. Und gutes Geld ist auch anders zu verdienen. Er sah wohl ein, dass es bei mir nichts werden würde. Nun war meine kleine Schwester an der Reihe. Mein Vater kaufte ihr zum 12. Geburtstag einen Tennisschläger...

robert



   
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