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"greif zur feder, kumpel!"
im open-mic können texte veröffentlicht
werden, die im weitesten sinne literarisch sind
oder mit literatur zu tun haben (gedichte, kurzgeschichten,
rezension, was auch immer...).
wenn ihr interesse habt, schickt euer material einfach
an pop-8@web.de, betreff: open-mic.
Wo ist zu Hause, Leipzig?
Das schwierige Erbe der sozialistischen Architektur:
In Leipzig fragt das
Kunstprojekt "Heimat Moderne, Experimentale
1, Leipzig 2005" nach dem
aktuellen Nutzungspotenzial der Ostmoderne
von ROBERT HODONYI
Endstation Leipzig-Hauptbahnhof. Aussteigen. Ein
trüber Morgen.
Schneeflocken schweben über den Asphalt. Es
ist bitterkalt. Wie kommt man von hier ins Musikviertel?
Die zwei durstigen Männer am Imbiss schauen
sehr argwöhnisch bei dieser Frage. Sie frühstücken
Bier aus Büchsen. Das Viertel scheint in bestimmten
Kreisen keinen sehr guten Ruf zu genießen,
klingt ja irgendwie auch nach Boheme. Hier stehen
unter anderem die Hochschule für Musik und
Theater, repräsentative Gründer-zeitbauten
und prunkvolle Stadtvillen, immer wieder durchbrochen
von elfgeschossigen Wohnscheiben aus den Siebzigerjahren
und einzeln stehenden Punkthochhäusern: 19.
vs. 20.Jahrhundert, bürgerliche Re-präsentation
vs. sozialistischer Wohnkomplex.
Von Anfang März bis Ende April ist das Viertel
erste Station des Projekts
"Heimat Moderne, Experimentale 1, Leipzig 2005".
Während der Fahrt mit dem Bus ins Musikviertel
noch Sequenzen des vor kurzem gesichteten Films
"Ist Leipzig noch zu retten?" vor Augen.
Unter dieser Überschrift strahlte das DDR-Fernsehen
im November 1989 eine architekturkritische Reportage
aus, die eine schonungslose Bestandsaufnahme planwirtschaft-licher
Wohnungsbaupolitik vornahm und die ein düsteres
Bild der Zukunft zeichnete: "Bilder, die wehtun,
und die wir so bislang nicht zeigen durften, weil
sie das Lackbild unserer Selbstzufriedenheit beschädigt
hätten", heißt es im Sprachduktus
der unmittelbaren Wendezeit. Behutsame Kamera-fahrten
entlang von Gründerzeitquartieren des Leipziger
Südwestens zeigen eine traurige und nicht enden
wollende Ruinenlandschaft aus Altbauten mit begrünten
Regenrinnen, maroden Dächern und bröckelnden
Fassaden.
Nichts von alldem erkenne ich während der
Fahrt mit dem Bus ins Musik-viertel wieder, das
ebenfalls Richtung Südwest liegt. Aus heutiger
Sicht gewinnt der Titel des Films erneute Relevanz
und Brisanz, das jedoch unter vollkommen anderen
Vorzeichen, da inzwischen vor allem die Grammatik
sozialistischer Architekturen nach und nach aus
dem Stadtbild Leipzigs getilgt wird. Was hätte
Franziska Linkerhand dazu gesagt? Formulierte die
junge Architektin in Brigitte Reimanns Roman nicht
die Utopie sozialistischer Architektur, in dem sie
Häuser bauen wollte, "die ihren Bewohnern
das Gefühl von Freiheit und Würde geben,
die sie zu heiteren und noblen Gedanken bewegen
…"?
Aussteigen. In der Villa Sieskind, einem ehemaligen
Hotel im historistischen
Stil, wird das disziplinenübergreifende Projekt
"Heimat Moderne" vorge-stellt. Die Kulturstiftung
des Bundes, die "Heimat Moderne" fördert,
weil es eben nicht nur um die Bespielung einzelner
symbolischer Topo-grafien Leipzigs geht, sondern
um deren Vernetzung; und die daran beteiligten Gruppen
und Institutionen, die aus den Bereichen Bildende
Kunst (Galerie für Zeitgenössische Kunst
Leipzig), Theater (raum 4), Musik (Forum Zeitgenössischer
Musik Leipzig e.V.), Architektur und Stadtplanung
(Büro für urbane Projekte, General Panel)
stammen.
Über fünfzehn Jahre nach "Ist Leipzig
noch zu retten?" und seinem Plädoyer für
eine nachhaltige Altbausanierung statt zügelloser
Abtragung geht "Heimat Moderne" dem Erbe
der Ostmoderne nach. Ein wenig bewegt sich das Projekt
dabei in der Tradition der 1. Leipziger Volksbau-Konferenz,
an der im Januar 1990 über tausend engagierte
Bürger teilnahmen und die einen generellen
Abrissstopp für die Stadt bewirkten. Im Konzept
zu "Heimat Moderne" heißt es diesbezüglich:
"Auch in Leipzig ist - wie vieler-orts - die
Nachkriegsmoderne zu einer Störstelle im Stadtbild
geworden. Hier steht etwa die in den 1960er-Jahren
erbaute, denkmalgeschützte Hauptpost am Augustusplatz
zu großen Teilen leer, am Brühl sollen
drei Wohnhäuser Neubauten weichen, ähnlich
wie vor Jahren das Messeamt am Markt." Weitere
architektonische Zeugnisse der Ostmoderne, etwa
die Fußgängerbrücke über den
Goerdelerring oder das Tourist-Informations-zentrum
am Sachsenplatz, wurden zugunsten des neuen Stadtumbaus
beseitigt. Teile von Denkmalensembles, so Gebäudekomplexe
der Uni-versität Leipzig am Augustusplatz,
stehen zur Disposition.
Vergleichbar der temporären ästhetischen
Verwandlung des Palastes der
Republik im vergangenen Jahr zum "Volkspalast"
oder während des
Kunstprojektes "Dresden Postplatz" (2003)
ist auch "Heimat Moderne" nicht an einer
Musealisierung hoch kodierter Architekturen und
Stadträume gelegen. Vielmehr werden urbane
Interventionsstrategien entwickelt, die künstlerische
Praxis, politische Theorie und akustische Ansätze
an exemplarischen Orten - dem Musikviertel, dem
Augustusplatz sowie dem Areal Brühl/Robotron
- verknüpfen sollen. Der wegwerfenden Geste
gegenüber der sozialistischen Moderne auf der
einen Seite will "Heimat Moderne" auf
der anderen Seite mit der öffentlichen Auslotung
von deren aktuellem Nutzungspotenzial begegnen.
So darf man etwa gespannt sein auf die Beschallung
des Augustusplatzes durch Hanns-Eisler-Chöre
oder auf die Generierung eines Proteststadtplans
durch die Gruppe General Panel, um nur zwei von
über siebzig Veranstaltungen und Aktionen zu
nennen.
Deutlich wurde allerdings bei der Eröffnung
zugleich, dass verstärkt der
Zusammenhang von Architektur und einer nicht näher
spezifizierten
(städtischen?) Identität fokussiert wird.
Auf der gemeinsamen Stadtrund-fahrt wurde das Terrain
erkundet. Inwieweit dabei beispielsweise Kurt Nowotnys
"Hauptpost" (1961-1964) - ein siebengeschossiger
Stahl-betonskelettbau mit einer Vorhangfassade aus
Aluminium - als ein Identität konstituierender
Faktor für die Stadt oder ihre Bewohner an-gesehen
werden kann und wie so etwas verifizierbar sein
soll, ist an dieser Stelle nicht zu beantworten.
Zwar wurde von den Organisatoren betont, dass es
"die Heimat" ebenso wenig gibt wie "die
Moderne" und dass beides changierende Begriffe
mit hoher Bedeutungsvielfalt seien, aber darauf
wäre man auch selbst gekommen. Die begriffliche
Unschärfe, die sich durch die semantische Kombination
noch verstärkt, ist möglicher-weise gewollt,
da sie in diesem Fall ein breites Spektrum von Assoziationen
und künstlerischen Ansätzen zulässt.
Bis 11. September 2005
www.heimatmoderne.de
taz Nr. 7634 vom 8.4.2005
Lieblingsphänomene
I: Der Boxtänzer
Wer Paris kennt, weiß, es ist eine ganz annehmbare
kleine europäische Hauptstadt... Der gemeine
Besucher mit schick ausgeprägtem Musik-geschmack
muss jedoch bald feststellen, dass die ortsansässige
Indie-Pop-Fangemeinde eher unvergleichlich klein
ausfällt... Sehr schade! Um so mehr freut man
sich nach längerer Suche, endlich einen Ort
des Geschehens entdeckt zu haben und diesen wunderbar
ins eigene Répertoire der Weggeh-Favoriten
aufzunehmen!

Meiner hieß Pop-In, im 11. Arrondissement,
nicht zu weit von der Bastille aber im Allgemeinen
natürlich nicht zu weit, da beste Ausgeh-Musik
in town...
Das Pop-In ist also eine klitzekleine Bar mit (für
Paris) konsumenten-freundlichen Preisen, angenehmem
Publikum und schicker Musik inklusive integrierter
mini-Tanzfläche... Oh Ort des Ohren- und Augenschmaus!
Dort gab es ihn, der, an dem der Blick haften bleibt...
Er besticht bereits durch seine einschlägige
Frisur, an Jarvis Cocker erinnernd, aber nur ein
bisschen und ohne Brille, doch er wirft sich weniger
in Pose.
Eine wunderbar geheimnisvolle Ausstrahlung, nicht
auf den ersten Blick hübsch oder umwerfend,
nein eher von einer sich langsam einschleich-enden
Sympathie. Er lächelt nicht, ist einfach ruhig
und ohne Spannun-gen...
Aber wenn er zu tanzen beginnt tanzt alles und niemand
um ihn herum...
In den Ecken des kleinen Raums, viel zu heiß
und mit tiefroten Wänden, stehen große
Boxen, die alles liefern, was er braucht. Er tanzt
umwerfend mit ganz viel Kraft aber ganz leise, gar
nicht exzentrisch und doch völlig bemerkenswert,
burschikos, bebend und allen Raum einnehmend...
Alle Aufmerksamkeit sollte ihm gebühren, die
seinige gehört nur der Box, der Musik, die
aus ihr dringt und er wendet sich nur ihr zu. Anscheinend
ist er gar nicht da, nicht im Raum mit den anderen,
sieht mich nicht... Tanzt mit dem Rücken zum
Raum und geht einfach in der Musik auf!
Man muss ihn ansehen den Boxtänzer, lange und
bewundernd - ein kleines Phänomen... Mein Lieblingsphänomen
im Pop-In.
Das sollte man unbedingt besuchen.
Pop-In, 105, rue Amelot, Paris 11. Arr.
maxili
Gender Studies und Spinnen
Gestern mittag beim Frühstück habe ich
sie entdeckt. Eine wohlgenährte Kreuzspinne
in ihrem Netz, das sich über weite Teile meines
Küchen-fensters erstreckt. Spinnen rufen bei
mir ein Reaktionsgemisch aus Ab-scheu und angstgenährter,
brutaler Gewalt hervor, aber geschützt durch
die Glasscheibe überwog das Interesse, ihr
ein wenig zuzuschauen. Und als hätte sie um
meine Neugier gewusst, machte sich diese Kreatur
bald daran, ein Opfertierchen in ihre Fäden
einzuwickeln und dann einmal quer durchs Netz zu
schleppen.
Ich fing an, diese Spinne zu bewundern. Denn man
ist eigentlich die coolste Sau in der ganzen Raubtierwelt,
wenn man einfach eine Falle baut und dann, zurückgelehnt
und faul, zusehen kann wie einem sein Futter von
selbst zuläuft. Ja, ich möchte diese Spinne
sein und mich kaputtlachen über all die Löwen,
Tiger und das andere Pack. Die haben es zwar ge-schafft,
große Wappentiere und mächtige Symbole
zu werden, sind aber trotzdem dazu verdammt, ihrer
Beute hinterherzurennen und sich körper-lich
zu verausgaben. Davon abgesehen ist das, wofür
sie bewundert werden, nur eine Paarung aus Muskelkraft
und Aggression. Also eigentlich verachtenswert und
dumm. Gut, intelligenter als andere Tiere können
Spinnen nicht sein, aber ihre Methode ist zweifellos
die schlauere: Ständig herumhängen und
trotzdem (oder eben gerade dadurch) ordentlich zu
Potte kommen.
Und dann dämmerte es: Die Spinne war in diesem
Moment das einzige Raubtier, das mir einfiel, das
grammatikalisch weiblich ist. Und das ist kein Zufall!
Sie ist passiv, sie ist stellt Fallen, sie lauert
im Hinterhalt – Spinnen könnten meterlange
Schwänze haben und würden dadurch kein
Bisschen männlicher. Analog dazu die Hyäne.
Es gibt auch keinen mir bekannten Begriff für
die männlichen Vertreter der Spinnen oder Hyänen.
Anderswo hat man Gänse/Ganter, Katzen/Kater,
und selbst umgekehrt sind alle gestelzt-femininen
Kreationen auf –in irgendwie natürlich
geworden, aber hier wurde es scheinbar gar nicht
erst versucht. Müssen wir eben mit den Spinnen-Männchen
leben. Noch ein Beispiel: die Schlange. Das Schema
bleibt dasselbe. Geheimnisvoll, die berühmte
gespaltene Zunge und so fort.
Wir verallgemeinern: Nahezu Alles was hier im Tierreich
kein ´der‘ vorm Namen hat ist passiv,
mysteriös, unscheinbar, hinterhältig,
und deswegen zu meiden. Darüber hinaus kommen
Schlange, Spinne, Hyäne etc. aus-schließlich
in negativen Redewendungen vor. Bärenstark,
Adlerauge, alter Fuchs vs. hyänenhaft, Netze
gesponnen, falsche Schlange. Das hat gerade diese
eine Spinne an meinem Fenster als Tier mit der allerbesten
Jagd-strategie von allen nicht verdient! Den Feministinnen
wirds auch gefallen: Die Wahrnehmung der Tierwelt
als eine weitere Manifestation der phallo-kratischen,
patriarchalischen Herrschaft des Machismo. Oder
so ähnlich.
Deswegen: Die Spinne als Wappentier! Aus zoologischen
und feministischen Gründen. Aber nur hinter
Glas oder als Symbol – alle anderen werden
weiterhin erschlagen.
Robert Lewetzky
Zwei Farben Grau
Gerhard Richter hat der Gemäldegalerie Neue
Meister in Dresden 41
seiner Werke als Dauerleihgabe überlassen.
Darunter auch solche, die
die Nazizeit aus der Familienperspektive Richters
behandeln
VON ROBERT HODONYI
Nein, als ein geschichtsträchtiger Tag sei
die Ankunft in seiner Geburts-stadt nicht zu werten.
In den letzten Monaten hätte er Dresden ja
schon öfters besucht. Für Gerhard Richter
(72), der am vergangenen Freitag im Rahmen einer
Pressekonferenz drei neue Räume mit seinen
Bildern, Glas- und Spiegelarbeiten in der Galerie
Neue Meister im Albertinum einweihte, sei Bedingung
der Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden gewesen, so der Künstler mit einem
Augen-zwinkern, dass der "graue Kasten"
erst einmal renoviert werde. Richter, der sonst
eigentlich nichts gegen die Farbe Grau einzuwenden
hat,
meinte damit die leicht heruntergekommenen Räume
im zweiten Obergeschoss des Albertinums.
Hier sind jetzt an frisch geweißten Wänden
41 Werke ausgestellt, die einen Querschnitt der
letzten 40 Jahre seines Schaffens zeigen. Damit
besitzt Dresden eine der weltweit größten
Richter-Sammlungen über-
haupt und kann selbst mit dem MoMa-Bestand konkurrieren.
Die Dauerleihgaben aus dem Besitz des Künstlers
und privater Sammler führten dementsprechend
zu einer veränderten Konzeption der Galerie
Neue Meister. Seltsam selbstkritisch heißt
es dazu im Katalog: "Er gibt
den ins Schwimmen geratenen Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden Halt, indem er die für ein Museum der
modernen Kunst existenzbe-drohende Lücke im
Bereich der Gegenwartskunst mit einem Block von
herausragenden Werken exemplarisch schließt.
[…] Dieser Vorgang ist
für das Albertinum mehr als nur ein Glücksfall,
es eröffnet nach mehr als
70 Jahren Perspektiven für eine veränderte
Zukunft, weil mit Gerhard Richter die Gegenwart
auf einem ganz neuen Niveau in den Dresdener Museen
Einzug hält."
Hatte man es bisher versäumt, Gegenwartskunst
repräsentativ und breit
auszustellen, unter anderem, weil man konsequent
an den traditionellen
Schwerpunkten der Galerie - der romantischen Malerei
des 19. Jahrhunderts sowie der klassischen Moderne
- festhielt, bedeuten die
drei Richter-Räume zugleich eine stärkere
Orientierung auf das späte 20. Jahrhundert,
wie bereits im neuen Titel der Dauerpräsentation
deutlich wird: "Von Caspar David Friedrich
bis Gerhard Richter".
Richter, der sich als Betriebsmaler für Agitprop-Transparente
durchschlug,
bevor er 1952 an der Dresdener Kunstakademie angenommen
wurde,
hat die Hängung und Auswahl der Werke in Eigenregie
ausgeführt. Das älteste Bild in der Ausstellung
stammt von 1963, aus demselben Jahr, in dem der
Künstler zusammen mit Konrad Lueg in einem
Düsseldorfer Möbelhaus die berühmte
Ausstellung "Leben mit Pop - Eine Demon-
stration für den Kapitalistischen Realismus"
in Szene setzte. Arbeiten
aus seiner Dresdner Zeit, die 1961 mit der Übersiedlung
in die Bundesrepublik endete, sind nicht zu sehen.
Die meisten dieser Arbeiten gelten allerdings als
verschollen. Über Jahre wollte der Künstler
auch nichts von seiner Dresdner Vergangenheit wissen.
Und von der Ver-gangenheit, die in diese Vergangenheit
hineinragte.
Trotz der berühmten Bilder, die die Nazizeit
aus der Familienperspektive
behandeln, wie "Onkel Rudi", wusste Richter
bis heute nichts von der
verbrecherischen Medizinkarriere seines Schwiegervaters,
Heinrich Eufinger, wie jetzt ein Artikel im Berliner
Tagesspiegel enthüllt. "Herr Heyde",
das Porträt des Strategen des Euthanasieprogramms,
funktion-iere wie eine klassische Deckerinnerung
Richters bezüglich seines Schwiegervaters,
meint der Autor Jürgen Schreiber.
Die Konzeption der neuen Richter-Räume in
Dresden bestimmt keine lineare Erzählstruktur
oder chronologische Anordnung. Im ersten Raum dominieren
die auf Grundlage des inzwischen selbst zum Kunstwerk
avancierten "Atlas der Fotos, Collagen und
Skizzen" entstandenen fotorealistischen Arbeiten
der Sechzigerjahre wie "Tote" (1963),
"Sekretärin" (1964) oder "Motorboot"
(1965). Das für Richter wichtige Prinzip der
Serie, die Anordnung von Werkgruppen zu Reihen,
kann man ebenfalls im ersten Raum beobachten: Die
Porträts der "Acht Lern-schwestern"
(1971) korrespondieren etwa mit den unmittelbar
darunter angeordneten gleichformatigen abstrakten
Arbeiten, die Ende der Neunzigerjahre entstanden
sind. Eines der neuesten Bilder, die Arbeit
"14. Februar 1945" (2002), stellt einen
Bezug zu Dresden her: Die Stadt-ansicht aus der
Luftperspektive nach dem Angriff der Alliierten
in der
Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Das Bild
könnte leicht mit einer der vielen herkömmlichen
Stadtansichten Richters verwechselt werden, wären
da nicht die zahlreichen Bombenkrater. Man kann
darüber nachdenken, ob es eventuell sinnvoll
gewesen wäre, ein Bild aus dem zweiten Raum,
nämlich "Onkel Rudi" (1965/2000),
das in typisch grauer Unschärfe und Verwischung
einen lächelnden Deutschen in Wehrmachts-uniform
zeigt, in unmittelbare Nachbarschaft des "14.
Februar 1945" zu hängen. Damit wäre
ein Zusammenhang von Ursache und Wirkung hergestellt,
der in Dresden ab und zu ausgeblendet wird, gerne
dann, wenn Jörg Friedrich eine seiner Lesungen
in der Stadt abhält.
Neben "Onkel Rudi", den bekannten "Zwei
Kerzen" (1982), der Farbfeldmalerei aus den
Siebzigerjahren, der etwas verloren wirkenden "Wolkenstudie"
(1970) und dem an die Vanitasmotivik angelehnte
"Schädel" (1983) befindet sich im
zweiten Raum unter anderem auch das Bild "Fels"
(1989), welches Richter im November 2002 für
die Auktion anlässlich der flutgeschädigten
Staatlichen Kunstsammlungen gestiftet hatte. Für
2,6 Millionen Euro wurde das Gemälde damals
in der Neuen Nationalgalerie neben Werken von Baselitz,
Immendorff und Lüpertz versteigert. Der dritte
neue Richter-Raum ist ganz den abstrakten Bildern
vorbehalten, die größtenteils in den
Neunzigerjahren entstanden sind
und die jüngste Schaffensperiode des Künstlers
markieren.
taz Nr. 7443 vom 24.8.2004, Seite 17.
Noch ein Phaeton, noch ein
Bild
Bizarre Momente der Rezeption: In der Gläsernen
Manufaktur von Volks-wagen in Dresden lässt
sich derzeit Malerei bewundern. Die Ausstellung
"Fehlfarben" bringt Kunst in die Fabrik.
Ob die Kunst aber, wie ange-kündigt, gleichberechtigt
neben der Wirtschaft steht, darf bezweifelt werden
VON ROBERT HODONYI
In einer Werbebroschüre der Gläsernen
Manufaktur von Volkswagen in Dresden heißt
es: "Genießen Sie den unmittelbaren,
freien Blick auf die Fertigung unserer Automobile.
Nur durch eine Glasscheibe getrennt werden Sie Zeuge
einzigartiger Prozesse in außergewöhnlichem
Am-biente." Der Einblick in die Fertigung des
VW-Modells Phaeton wird dieser Tage um aktuelle
Positionen moderner Malerei ergänzt. In Zusammen-arbeit
mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entstand
die von Ulrich Bischof und Birgit Dalbajewa kuratierte
Ausstellung "Fehlfarben. Neue Malerei aus München,
Dresden, Leipzig, Berlin", die sowohl im Residenzschloss
als auch in der Gläsernen Manufaktur zu sehen
ist. Das Projekt stellt den Beginn einer längerfristigen
Kooperation beider Insti-tutionen dar. Es widmet
sich dabei ganz der Malerei und setzt damit den
viel zitierten Trend zu Leinwand, Farbe und Pinsel
in der zeitgenössischen Kunst fort, wie er
bereits im vergangenen Jahr in den Ausstellungen
"deutsche malerei zweitausenddrei" (Frankfurt
am Main), "Painting on the Roof" (Mönchengladbach)
und "Painting Pictures" (Wolfsburg) vorgeführt
wurde.

( Foto: Frank Dehlis)
Im Mittelpunkt des Ausstellungskonzepts stehen von
der Natur und der architektonischen Wirklichkeit
abweichende Farben, deren Verwendung sich vor allem
in digital hergestellten Bildvorlagen spiegelt.
"Fehlfarben signalisieren einen Bruch im Farbenspektrum
der modernen Malerei - so wie die Gläserne
Manufaktur einen Bruch im üblichen Verständnis
einer Fabrik bedeutet", heißt es im Katalog.
Ob die gezeigten Bilder wirklich "künftige
Sehgewohnheiten einüben" und ob, damit
angeblich korrespond-ierend, die Formen- und Farbensprache
der Gläsernen Manufaktur tat-sächlich
dem "Bild der Fabrik der Zukunft" entspricht,
kann an dieser Stelle nicht entschieden werden.
Bemerkenswert ist die Hervorhebung des Standorts
für die ausgestellten Kunstwerke allemal. Die
damit verbundene Tendenz zur Ökonomisierung
der Kunst, welche vor allem topografisch und auf
der Ebene der Wahrnehmung vollzogen wird, lässt
aufhorchen.
Die Bilder in der VW-Fabrik von Martin Borowski,
Eberhard Havekost, Martin Kobe, Wolfgang Koethe,
Uwe Kowski, Peter Krauskopf, Sophia Schama und Rosa
Loy werden zur Staffage des industriellen Herstellungsprozesses.
Gegen die silbrige Dominanz und futuristische Ästhetik
der Innen-architektur sowie gegen den Takt der ständig
sichtbaren Fließbänder und Hängemontagen
kommen sie jedenfalls nur schwer an. Ihre Hängung
an den teilweise extra eingebauten Ausstellungssystemen
ist so gewählt, dass bestimmte Bildsujets formal
mit architektonischen Details der Fabrik harmonieren.
Eberhard Havekosts Arbeit "Stuhl" (2003)
zum Beispiel, das die Fassade eines Hauses mit vier
übereinander angeordneten Loggien zeigt, findet
ihre Fortsetzung im balkonartigen Abschluss der
Wand ober-halb der so genannten "Orangerie"
der Gläsernen Manufaktur.
Martin Borowskis "Lobby II" (2002), vom
Format her ein lang gestrecktes Rechteck, dessen
graue Umgrenzung beim ersten Blick an einen Bildschirm
erinnert, hängt in Nachbarschaft von mehreren
Breitwandmonitoren mit Touchscreens, die interaktiv
auch die letzten Wissenslücken hinsichtlich
des VW-Phaetons schließen. Die "Ablage"
im gleichnamigen Bild von Rosa Loy kann in Bezug
gesetzt werden zum schräg dahinter befindlichen
Fahr-stuhlsystem. Es ergeben sich auch bizarre Momente
der Rezeption: so etwa, wenn man vor Sophia Schamas
Bild "Technoide Landschaft 1." (1998)
steht und gleichzeitig seitlich davon VW-Monteure
in weißen Overalls bei der Arbeit im Qualitätssicherungsbereich
zusehen kann. Kunstbetrachtung, touristischer Blick
und Voyeurismus verschränken sich.
Kunst und Wirtschaft sollen in der Gläsernen
Manufaktur als gleichbe-rechtigte und diskursmächtige
Felder nebeneinander gestellt werden: "Die
Verknüpfung von ,Art & Economy' macht deutlich,
dass Kunst und Wirt-schaft gleichberechtigt teilhaben
an dem öffentlich ausgetragenen Diskurs über
Kontinuität, Tradition und Erneuerung",
formuliert Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen
Kunstsammlungen, im Vorwort des Katalogs. Offen
bleibt in diesem Zusammenhang jedoch, von welcher
Kontinuität, Tradition und Erneuerung hier
überhaupt die Rede ist. "Art & Economy"
heißt heute zunehmend, wie Isabelle Graw kürzlich
in der taz berichtete, die warenförmige Verfügbarkeit
künstlerischer Arbeiten für den Markt
unter Ausschaltung von Produzenten und Kritikern.
Kunst wird wie andere Luxusgüter auch gehandelt,
konsumiert und zum reinen Tausch-objekt. Insofern
ist es kein Widerspruch, wenn der Parcours durch
die Gläserne Manufaktur neben Luxuskarossen
auch Bilder zeigt, die für die meisten Besucher
ebenso unerschwinglich bleiben wie ein VW-Phaeton.
Ausstellung bis zum 30. Mai
taz Nr. 7354 vom 10.5.2004, Seite 15.
Frank Richter & Franz Beckenbauer
Fußballprofi sollte ich werden. Das war der
Wunsch meines Vaters und
irgendwann auch mein eigener. Geschafft habe ich
es lediglich bis zum
„Kinderzimmerfußballer“, wie mich
mein alter Sportlehrer, Herr Fischer, einmal höhnisch
nannte. Doch der Reihe nach:
Mit sechs Jahren nahm ich das Training auf. Zu
meiner Einschulung, 1983,
bekam ich meine ersten „Töppen“
geschenkt, ein tschechisches Fabrikat mit Gummi-Noppen.
An die Stelle des von mir sehr geschätzten
Hinterhofs unseres Neubaugebietes mit seinen Verstecken,
Winkeln und Geheim-nissen trat nun die Tristesse
und Leere des Boltzplatzes, den ich zwei- bis dreimal
in der Woche aufsuchte. Ich gewöhnte mich an
die Regelmäßigkeit des Trainings und
konnte mir bald nichts anderes mehr vorstellen,
als Fußball zu spielen und Fußball im
Fernsehen zu schauen. Selbst in meiner Freizeit
spielte ich hinter unserer Schule Fußball.
Der Trainer unserer Mannschaft hieß Herr
Eufe und war ein durch und durch ehrgeiziger Mann,
besonders was seine Laster anging. Er rauchte wie
ein Schlot und hatte zu den Punktspielen Samstagvormittag
nicht selten eine strenge Alkoholfahne. Diese Eigenschaften
vertrugen sich durchaus mit unserem Vereinsnamen:
Empor Tabak Dresden. Wir waren, wenn man so will,
die drittbeste Adresse in Sachen Fußball,
damals Mitte der Achtzigerjahre in Dresden. An zweiter
Stelle stand Dynamo Heide und an vorderster Front
natürlich Dynamo Dresden.

Fußballmeister der DDR 1978
(Hintere Reihe von links: Gert Heidler, Reinhard
Häfner, Frank Richter, Hans-Jürgen Dörner,
Matthias Müller, Klaus Müller, Dieter
Riedel, Rainer Sachse
Mittlere Reihe von links: Gerhard Prautzsch (Trainer),
Karsten Petersohn, Udo Schmuck, Gerd Weber, Hartmut
Schade, Andreas Trautmann, Matthias Döschner
Vordere Reihe von links: Peter Kotte, Jörg
Klimpel, Claus Boden, Bernd Jakubowski, Christian
Helm)
(Quelle: www.dynamo-dresden.de)
Eine Arbeitskollegin meiner Mutter war verheiratet
mit einem Stürmer, der
Ende der Siebzigerjahre für Dynamo Dresden
einige Tore schoss, aber ansonsten fast immer verletzt
war und schon damals, als ich ihn kennen-lernte,
seine Karriere an den Nagel gehangen hatte: Frank
Richter. Dieser Frank Richter wurde nun zu meinem
Vorbild. Ich musste um den Häuser-block rennen,
wie es Frank Richter in seiner Jugend getan hatte.
Ich musste den Ball jonglieren können, wie
Frank Richter. Frank Richter fuhr sogar mit uns
in den Urlaub nach Ungarn. Von meinen fußballerischen
Fähigkeiten nahm er gar nichts, nur wenn mein
Vater ihn explizit darauf hinwies, etwas war. Schließlich
konnte mein Vater Frank Richter doch davon überzeugen,
ein Probetraining bei Dynamo Heide zu arrangieren,
welches ich kurze Zeit später absolvierte,
aber leider nicht bestehen
konnte. Getestet wurde ich von einem Herrn Baron,
der heute Trainer des
Oberligisten FV Dresden Nord ist, dem Nachfolgeclub
von Dynamo Heide.
Mein Vater gab nicht auf. Ihm wurde bewusst, dass
es mir im Vergleich mit
Gleichaltrigen an Kraft und Durchsetzungsvermögen
fehlte. Nun stieß ich zu
meinem zweiten Vorbild jener Tage: Franz Beckenbauer.
Mein Vater hatte irgendwo gelesen, dass Franz Beckenbauer
einen jugoslawischen Trainer hatte, der ihn zwang,
viel zu essen. Ob das stimmt, weiß ich bis
heute nicht, damals glaubte ich es jedenfalls. Von
nun an bekam ich Mittags immer zwei Portionen. Ich
gab mein bestes, aber kräftiger wurde ich davon
nicht. Die zweite Beckenbauer-Lektion bestand darin,
die Angst vor dem Ball zu verlieren, die bei mir
zweifellos vorhanden war. „Franz Beckenbauer
hat das ausgehalten und Du kannst das auch“,
sagte mein Vater, bevor er aus drei Metern Entfernung
den Ball in Richtung meines Körper wummerte
und ich die Hände nicht zu Hilfe nehmen durfte,
um abzuwehren.
In den folgenden Jahren spielte ich immer besser,
aber nie richtig gut. Es
reichte im Grunde nur für Empor Tabak. Dennoch
gab ich die Hoffnung nicht auf und träumte
von einer Karriere bei Dynamo Dresden. Während
meine
Altersgenossen begannen, sich für das andere
Geschlecht zu interess-ieren, interessierte mich
immer nur die nächste Mannschaft, mit der wir
es zu tun hatten. Ich führte ein ausführliches
Spielertagebuch, in dem ich Punkte und Tore, Siege
und Niederlagen eintrug.
Mein damaliger Sportlehrer kannte meine Pläne.
Da er mich nicht leiden
konnte, machte er mich einmal vor der gesamten Klasse
in der Sportstunde runter. Ich sei ein Kinderzimmerfußballer,
sagte er. Und dass ich vom großen Stadion
träumen würde, vom Elfmeter in der 90.
Minute, den ich dann verwandle. Ganz unrecht hatte
er damit nicht, aber so ist es nun mal in diesem
Alter. Jedenfalls gefiel das Wort „Kinderzimmerfußballer“
einigen aus meiner Klasse ziemlich gut, so dass
ich es noch eine Weile zu hören bekam.
Als ich 13 Jahre alt war kam dann die politische
Wende und Deutschland wurde wiedervereinigt. Mein
Vater verlor das Interesse an meiner Karriere als
Fußballer. Es sagte, jetzt könne man
bald so oder so in den Westen reisen, dafür
braucht man kein Fußballer zu sein. Und gutes
Geld ist auch anders zu verdienen. Er sah wohl ein,
dass es bei mir nichts werden würde. Nun war
meine kleine Schwester an der Reihe. Mein Vater
kaufte ihr zum 12. Geburtstag einen Tennisschläger...
robert
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