erdmöbel – fotoalbum
(tapete records)
„wir waren boot gefahren, bis runter
nach bingen. da warst du weinkönigin. weißt
du noch wie wir schrien?“
“erst
kamen die vielen monate mit wörtern und melodien
in den computern hinter glasbausteinen und die kaffee-
und eispausen. es folgten kurze bis endlose fahrten,
vorne wir und hinten das musik-geschäft, in
schwarzen und weißen kleinbussen, mit ausflugs-glück
und erschöpfungen. zu allen tageszeiten arbeiteten
wir in hallen, sälen, kellern, dachge-schossen.
und nach so vielen stunden vor tausenden freund-licher
augen und nur einem arsch in belgien war uns wieder
danach die mikrofone aufzubauen. wir setzten uns
und spielten drei oktobervormittage lang die songs,
mit denen wir unterwegs waren. live und ohne tricks,
neu und wie es uns gefiel. es ging darum, jetzt
von uns und den liedern einfache fotos zu machen.“
soweit
das booklet. die rezension ist hier zuende, eigentlich.
vielleicht noch, dass diese platte alles ist:
best-of, einsteiger-album,
erwachsenenplatte, gedicht-band.
es sind großartige fotos geworden, schön
bunt, besonnen und einfach. raus mit dem elektro-gefiepe,
dafür rein mit der alten westerngitarre,
wurlitzer, akkordeon
und kontrabass. und von hinten
schnaubt manchmal eine orgel oder
seufzt, ganz milde, zu markus berges´
einzigartigen textzeilen. mit berges möchte
man an der reling eines ausflugdampfers stehen,
wenn sonne ist und das wasser glitzert. man blinzelt
und schweigt, nur ab und an interessierte gespräche
über hausmannskost. den blick aufs wesentliche.
so in etwa funktionieren erdmöbel, ihre texte,
die läufe, die rhythmen. oder einfacher: herrlich
unprätentiöse band macht eine der besten
deutschen popplatten überhaupt. live und ohne
tricks.
„das lied ist aus und sie steht da. lächelt
irgendwie und abgetrocknet als er sagt: hey, du
weinst ja.“
mario cetti
„fotoalbum“ von erdmöbel ist
nur als limitierte cd-version erschienen und ausschließlich
über www.erdmoebel.de
oder direkt bei glitterhaus zu beziehen.
rufus wainwright – “want
one“ & “poses” – eine
liebesgeschichte
“why´d you have to break
all my heart? couldn´t you have saved a minor
part?”
hochsommer
2003 - und der
war sehr sehr heiß. ein junge und ein mädchen
sitzen, spät-abends noch, an der elbe und trinken
bier. irgendwo und ein paar ecken weiter grillt
be-stimmt jemand würstchen, im unterhemd und
die gourmet-saucen gleich nebenan. der junge ist
verliebt in das mädchen, hat den abend arrangiert.
sie weiß es vielleicht, sagt aber nichts.
ist einfach nur zauberhaft. so prüft man einander,
behut-sam, will wissen und hält spiegel vor.
da träumt der junge kurz: er rutscht zu ihr,
fragt „heiratest du mich mal?“ –
sie bejaht. ein zarter kuß, dann schweigen,
stundenlang. stattdessen das mädchen: „irgendwie
finde ich, du wärst ein toller schwuler“.
tiefschlag. hier läuft
was falsch merkt der junge, ist aber entschieden
zu verliebt um sich gleich gekränkt zu fühlen.
kurz
nur denkt er an rufus wainwright,
einen noch jungen, dennoch phantastischen amerikanischen
musiker. der ist schwul und schreibt die wundervollsten
lieder. auch übers schwulsein, mit zuweil großem
orchestralen bombast, aber auch
kleine stücke, die ganz wahn-sinnig fragil
und verletzlich sind.
„all these poses, such beautiful poses,
makes any boy feel like picking up roses”
summt der junge. sie: “is` was?“. „nein“,
antwortet er. stille zwischen den beiden, nur der
fluß mogelt sich flüsternd vorbei. so
sitzen sie, der junge und das mädchen, und
fast ist es, als ob von ferne einer ravel´s
bolero anstimmt.
man geht nach hause, viel später, aber ohne
kuß.

es ist fünf uhr dreißig morgens. der
junge grübelt über ihrem satz, mit kopfhörern
auf den ohren. rufus wainwright singt “i
did go from wanting to be someone, now
i´m drunk and wearing flip-flops on fifth
avenue…”. manchmal klingt er wie
ein schnorchelnder tenor, findet
der junge, dann wieder singt wainwright wie ein
gott in weißem hermelin,
dabei so anders und untypisch phrasiert. im hintergrund
wärmen die dicken bäuche der streicher,
ein träumerisches klavier
gibt den takt. manchmal dann der ausbruch, mit treibendem,
energischen schlagwerk. nicht auszudenken, wenn
sich wain-wright der divine comedy
anschliessen würde... so sitzen sie, der junge
und der rufus, schwärmen, leiden und lieben
um die wette. es ist schon früh.

der junge weiß jetzt, dass er unglück-lich
verliebt ist. trotzdem lächelt er. er malt
sich aus wie das ist, einmal kinder zu haben, die
auf seinem dicken vater-bauch indianer spielen.
denen wird er dann irgendwann erzählen, dass
er ganz früher einmal schwul gewesen ist. für
eine nacht und wegen einem mädchen. dem ist
er, im übrigen, dafür noch bis heute dankbar.
-wouldn´t it be a lovely headline:
“life is beautiful” on the new york
times- (rufus wainwright)
www.rufuswainwright.com
mario cetti
kaizers orchestra –
ompa til du dør
es gibt bestimmte sachen, für die man sich
zeitlebens eigentlich nie zu schämen braucht:
niemals in furth im wald gewesen zu sein beispielsweise.
aber auch eine stoische unbelecktheit hinsichtlich
entstehung und wirkung der warmen passatwinde bleibt
in aller regel gesellschaftlich ohne nennenswerte
konsequenzen. manchmal jedoch rächt sich das
leben,
kommt sozusagen unverhofft von links hinten und
zieht prompt mit
tempo 200 aufdringlich hupend vorbei.
der
konkrete fall: da machen sechs junge norweger,
namentlich kaizers orchestra und
allesamt in den mitzwanzigern, ein debütalbum
das phantastischer nicht sein könnte und singen
–
ja gibt´s das – in norwegisch! eine
sprache für
die wir uns doch kollektiv in all den jahren nicht
die bohne interessiert haben! so sitzt man also
vor der heimischen anlage, kopfhörer im ohr,
booklet auf den knien, und ist (unter zuhilfe-
nahme der freundlicherweise mitgelieferten englischen
übersetzung) peinlich bemüht, die indolenz
vergangener tage zumindest ansatz-
weise auszubügeln. „parfymert“
heißt demzufolge parfümiert, „helvete“
meint hölle und „dekk bord“ sagt
man zum tischdecken. aha. aber „ompa
til du dør“? könnte man,
mal sehen, etwas salopp mit „humpa, humpa,
bis
du tot umfällst.“ übersetzen. womit
wir endlich beim eingemachten wären:
kaizers
orchestra begeistern sich für polka,
dies als schlagzeile, und liefern nach deren anreicherung
durch krachende rockgitarren sowie allerlei von
autofelgen oder schmierigen ölfässern
herrührendem geschepper ein potpourri,
welches als serbische erstkommunionsfeier
meets finnische eishockeyaufstiegsparty
meets katerfrühstück am oslo-fjord
um sieben in die historie
eingehen wird. als musiker nennt man das dann „rock,
with a major eastern european flavour“ und
verweist skandinavisch-ehrlich auf tom waits.
es rumpelt und groovt also gar herrlich, mit banjo,
mandoline und akkordeon. geschrieen wird auch, so
dass folglich der weg zu norwegens
bestem liveact 2002 kein langer war. überhaupt
spielen die kaizers gut und gerne mal 150 auftritte
im jahr, was ihnen die norweger postwendend mit
90.000 verkauften platten danken – rekord
für ein
debüt in norwegischer sprache!
Insgeheim freuen sich alle vermutlich aber auch
einfach nur mächtig über eine band, welche
ohne große schicke retro-zitate auskommt,
dafür aber längst verschollen geglaubte
musiktraditionen unverkrampft am lichten schopfe
packt. und weiß gott ist das in diesen wilden
zeiten selten geworden.
auf dem merkzettel können wir demnach folgendes
notieren: 1. kaizers orchestra mit dem skandinavischen
frische-siegel versehen und neben ray wonder
und den mopeds im schmuckkästchen
einordnen 2. livekonzerte dieser band niemals nicht
verpassen 3. das volkshochschulprogrammheft 2004
nicht unachtsam in die tonne werfen – es könnte
ja nochmal nützlich sein...
mario cetti
bibel statt playstation
minimalismus und neokonservative
ideologie: schlaglichter auf das derzeit gefeierte
bandmodell white stripes
schlägt man dieser tage beliebige
feuilletonseiten oder musikzeitschriften auf, wird
man mit einer welle junger amerikanischer bands
konfrontiert,
die - mehr oder weniger erfolgreich - versuchen,
sich zwischen 60er-garagen-rock und 70er-punk neue
musikalische nischen zu erobern.
waren die strokes vor 2 jahren noch angetreten,
sich dem rock'n'roll im new-york-style in die arme
zu werfen und nebenbei auch noch betörend hedonistische
musik zu verbreiten, gibt es nun mit den white
stripes ein anderes modell, das mehr mit
washington zu tun zu haben scheint.
das
duo megan (schlagzeug) & jack white (gitarre)
gibt es schon länger:
mit ihrer dritten platte "white blood
cells" wurden die beiden detroiter bereits
2001 zu international gefeierten stars. seither
scheinen ihr ruhm und ihre popularität ständig
zu wachsen: das erscheinen ihrer neuen lp "elephant"
wird in sämtlichen massenmedien als ereignis
zelebriert. vom britischen nme
wurde sie kürzlich bereits vor erscheinen unter
die 100 besten lps aller zeiten gewählt. im
selben magazin wurde jack white
zur "coolsten person des jahres 2002"
gekürt. bleibt die frage: was ist - abgesehen
von der auf gesang, gitarre und drums reduzierten
musik -
an dieser band eigentlich "cool"?
zunächst fällt ihr eigenartiger
farb- und zahlenmystizismus ins
auge.
dazu jack white im interview mit der taz (04.04.2003):
"drei farben: rot,
weiß und schwarz. ... alles dreht sich bei
uns um die zahl drei. dabei steht schwarz vor allem
im kontrast zu rot und weiß: als abwesenheit
von farbe. das rot symbolisiert zorn und bewegung,
das weiß steht für unschuld und feingefühl."
diese heilige farb-dreieinigkeit wird immer wieder
auf ihren tonträgern, ihren konzerten und in
ihrer kleidung hergestellt. was bringt erwachsene
menschen nur dazu, eine solche farbliche totalität
zu präsent-ieren und diese auch noch mit schwergewichtigen
begriffen aufzuladen? im zitat ist die rede von
"zorn" als scheinbar permanentem affekt.
leider
erfährt man nicht, wer denn da worüber
zornig ist und auch nicht, wie
der begriff der "bewegung" gemeint ist.
sicher geht es hier um harmlose marotten oder schlimmstenfalls
um die ästhetische reinwaschung der konsumentenhirne.
aber es wird interessanter.
die white stripes stehen als band
und auch als individuen für eine
dezidierte technik- und medienfeindlichkeit,
die sie plausibel herzuleiten versuchen. jack white:
"ich denke eher, dass mobiltelefone und das
internet zur zerstörung von kulturen beitragen.
die gesamte welt scheint
sich mehr und mehr auf einen kulturellen nenner
zu einigen. (...) wenn ich nach deutschland komme,
dann will ich eine deutsche kultur erleben, die
sich eigenständig zum ausdruck bringt und stolz
darauf ist." leider ist in diesem zusammenhang
nicht zu lesen, was jack denn für originär
"deutsche kultur" hält. neben dem
handy und dem internet gerät auch das fernsehen
in die kritik der band. meg white: "ich habe
gerade ein buch gelesen, in dem das fernsehen als
hauptursache der auslöschung von kulturen auf
unserem planeten genannt wird. das finde ich interessant."
wirklich hochinteressant, meg. machen wir alle die
glotze aus und sehen
mal, was so passiert. vermutlich verschwinden dann
kapitalismus und krieg. und wir können uns
auf ein gerechtes, friedliches leben in ethnisch
und kulturell reinen stammesgesellschaften freuen.
in einem anderen interview beschwert
sich jack nicht übers fernsehen, sondern über
die heutige jugend und ihre heruntergekommene erziehung:
"es ist traurig, die kids von heute zu sehen.
sie sitzen herum, hören
hip-hop oder new metal, mit einer playstation und
einer marihuana bong.
das ist ihr leben. es ist eine ganze kultur. und
ihre eltern tun nichts dagegen." (new york
times vom 09.03.2003). außerdem: "ich
habe das gefühl, die erziehung entfernt sich
von den natürlichen ideen und instinkten der
männlichen und weiblichen persönlichkeit.
diese werden geopfert für
die idee der gleichheit oder der antiautoritären
erziehung." (the onion
vom 09.04.2003).
klingt alles nicht so nach den 60ern? stimmt. trotz
ihrer musikalischen
bezüge scheinen die white stripes an den guten
alten zeiten lange vor
dem rock'n'roll zu hängen. damals, als religiöse
werte noch was galten
und papa das sagen hatte, war alles irgendwie netter
und übersichtlicher. jack: "heute ist
zum beispiel religion ziemlich
unpopulär, die früher eine klammer für
familien und gemeinschaften gebildet hat. und früher
waren
auch die rollen von frauen und männern und
kindern weitaus klarer
definiert. (...) aber es gibt bestimmte natürliche
instinkte, die gerade die männliche oder weibliche
persönlichkeit betreffen. frauen können
gebären, männer nicht, das ist einfach
eine natürliche tatsache. ich will dazu gedankenanstöße
geben, denn ich glaube, dass die leute sehr verwirrt
über die frage sind, wie viel von der damaligen
lebensform richtig oder
falsch war." (taz vom 04.04.2003)
ganz
zurück zur natur wollen die white stripes dann
aber doch nicht. für die aufnahmen ihres neuen
albums "elephant" ging
es nicht in den wald, sondern in ein kleines londoner
studio, das ausschließlich mit analoger sixties-technik
ausgestattet ist. hier konnte noch "ehrlicher"
rock'n'roll entstehen und das gerade mal für
6000 britische pfund!
computer bei aufnahmen und digitale effektgeräte
lehnen die white stripes ab - hier ist alles noch
echte und hand-gemachte rockmusik. ein schelm, wer
bei
ihrer ausdrücklichen betonung im booklet "no
computers were used ..." an die ebenso heldenhaft
konservativen queen denkt. auf deren platten stand
in den 70ern noch regelmäßig "no
synthesizers were used ...!".
um promotion für die neue lp
zu betreiben, verschickte die plattenfirma des duos
ausschließlich vinyl-alben an die musikpresse.
natürlich ging es dabei nicht etwa um die angst
vor mp3-kopien und dem damit möglicherweise
verbundenen risiko für den hohen charts-einstieg,
wie bei anderen bands. nein, die platte sollte -
so jack white - nur von journalisten besprochen
werden, die noch einen plattenspieler besitzen.
erklärung: allein die
könnten die magie der aufnahmen einfangen!
wenn er das wirklich ernst meint, wäre es allerdings
nur konsequent gewesen, die platte auch für
konsumenten ausschließlich auf vinyl zu veröffentlichen.
und die schönen profite - auf die meg &
jack ja bekanntlich keinen wert legen - für
die künstlerische reinheit sausen zu lassen.
diese reinheit ("purity") ist
schließlich sehr wichtig für die beiden
geschwister. ebenso wie ihre
anderen ideale: unschuld, kindlichkeit,
beschränkung, einfachheit und ehrlichkeit.
ehrlich gesagt sind sie entgegen ihren behauptungen
auch
keine geschwister. sondern ein geschiedenes ehepaar.
dass viele rock'n'roller nicht gerade
für ein progressives und offenes gesellschaftsmodell
stehen ist keine neuigkeit. aber eine solche affinität
zu neokonservativer ideologie ist
bemerkenswert für musiker, die in der presse
als neuestes nonkonformistisches modell bejubelt
werden. das ist also die derzeit coolste band der
welt! symptomatisch?
nightsounds & robert (pop8)
zuerst erschienen in: CEE IEH-Der Conne Island
Newsflyer Nr. 100.
the gentle lurch - five songs
the gentle lurch aus dresden
sagen nein zum katholizistischen proberaumpomp.
keine glamrockposter aus den späten 70ern,
keine lümmelcouch, chill-out zone oder lichterketten-schnickschnack.

ein alter teppich und drei campingstühle, das
muss reichen. daneben ein fröh-liches babylon
aus tröten, japanischen 6-12jährigen-keyboards,
sägen, wasch-brettern, rasseln, gitarren und
weiteren artverwandten geräuscherzeugern.
und damit macht man sich dann an eine melange aus
country-lofi mit rauer rockmusik und gewinnt en
passant noch sämtliche genuinitäts-debatten
auf studentischen wg-stehparties im flur.
jüngst
erschien mit "five songs" die erste "vorzeigbare"
(o-ton der band) ep der vier jungen musiker um mastermind
lars hiller. understatement also, doch keinesfalls
als blanke attitüde, sondern vielmehr aus überzeugung.
kein rockstargequatsche,
viel lieber fünf lieder mit kleinen schönen
geschichten im perfekten arrangement.
und hier wird’s jetzt anspruchsvoll - man
wechselt im laufe der platte gerne: sänger,
geräte, tempi. americana-gitarren-wahnsinn
aus sachsen, hat man nicht oft. da winkt mal eben
calexico, dann aber
doch der lange lambchop-seufzer.
zuhören ist wie draisine fahren in missouri.
auf der graden alles prima, mit landschaft, sonne
und väterlich-ernster stimme von lars hiller.
dann geht’s den hügel runter, slidegitarrengewitter
und rumpelschlagzeug, rockröhre von alexander
dähne, schweiss, schmerz, schreien, erschöpfung.
mit nassem hemd dann wieder geradeaus.
und die bohnen dann heute abend, versprochen.
mario
wer ne platte will, drückt
dem verfasser einfach mal nen rohling in die hand.
codewort: "burn baby, burn!"
coole typen zur cocktailparty als
der radical chic schwarz wurde: das trikont-label
widmet sich in einer neuen compilation
dem politischen soul rund um die us-amerikanische
black-panther-bewegung. bis in die gegenwart des
aktuellen asian-dub wird dabei der bogen gespannt.
während der rede des kalifornischen gouverneurs,
ronald reagan, wird es plötzlich ungemütlich:
30 männer und frauen der black panther party
(bpp) erklimmen die stufen
seines amtssitzes in sacramento. sie sind ganz
in schwarz gekleidet, einige tragen sonnenbrillen
und schwarze baretts. in ihren händen halten
sie gewehre und pistolen. ihr anführer bobby
seale verliest ihre botschaft in die laufenden kameras:
"die black panther party
for self-defense glaubt, dass für die schwarzen
die zeit gekommen ist, sich gegen den terror (der
polizei) zu bewaffnen, bevor es zu spät ist
… ein volk, das so viel für so lange
zeit unter einer rassistischen gesellschaft erlitten
hat, muss irgendwo die grenze ziehen." dieser
medienträchtige auftritt der bpp bedeutete
gleichzeitig das ende des alten civil rights movement
und
den beginn einer neuen phase im emanzipationsprozess
der
afroamerikaner in den usa: "say it loud - im
black and im proud", shoutete james brown und
gab der black-power-bewegung ihre hymne. "black
& proud" wurde zum schlachtruf der schwarzen
selbstermächtigung. diese sollte aus sicht
der black panthers, die sich als avantgarde in diesem
befreiungskampf verstanden, zur not auch mit waffen
durchgesetzt
werden. statt der bibel und gandhi zirkulierten
jetzt texte von frantz
fanon, mao tse-tung und che guevara.
der musikjournalist und dj jonathan fischer hat
nun einen sampler zusammengestellt, der den sound
jener zeit rekapituliert: von den
klassikern des message-souls wie sam dees "heritage
of a black man"
über "brand new day" von der gospelgruppe
staple singers bis zum in
bester james-brown-manier vorgetragenen funkstück
"be black" von grady tate. solche titel
artikulierten ein neues schwarzes selbstbewusstsein.
doch die wenigsten der vertretenen bands dürften
mit der militanten panther-ideologie konform gegangen
sein. insofern spielt "black & pround"
mit dem radical chic der black panthers, der damit
gleichzeitig um die musikalische facette reicher
wird.
das
image der black panther war einer selbstdarstellung
geschuldet, die schwarzen glam bewusst mit einem
paramilitärlook kombinierte. das auftreten
drückte unverletzbarkeit und stolz aus und
machte ihr anliegen attraktiv. doch während
society-stars wie leonard bernstein es plötzlich
hip fanden, sich die supercoolen typen zur cocktailparty
zu laden, war, wie tom wolfe im aufsatz "radical
chic" beschreibt, die zerschlagung der black
panthers bereits in vollem gang: huey newton stand
wegen angeblichen mordes vor gericht, ein dutzend
büros der panther wurden vom fbi gestürmt
und fred hampton,
der chef der chicagoer panther, im schlaf erschossen.
anders als der inhaltsleere raf-chic im kino ("baader")
funktioniert die compilation "black & proud"
vor allem aber durch ihren bezug zu aktuellen politischen
debatten: die letzte warnung der brothers keepers
oder die politischen lyrics auf "community
music", dem letzten album der britischen asian
dub foundation, legen einen solchen brückenschlag
nah. so ist die asian dub foundation auf "black
& proud" ebenso vertreten wie der public-enemy-rapper
chuck d.
während letzterer "down to now"
von den last poets featuret, ist die asian dub foundation
zusammen mit assata shakur, der ehemaligen black-
panther-aktivistin und tante des ermordeten rappers
tupac shakur, ins
studio gegangen. auf kuba, ihrem exil, entstand
das stück "reluctant
warrior" - "unfreiwillige kämpfer",
ein bewusster schulterschluss
zwischen dem gestern und dem heute.
diverse: "black & proud. the soul of the
black panther era, vol. 1 & 2"
(trikont)
robert
(taz nr. 6946 vom 6.1.2003, seite 15)
modern english
robbie grey (voc,g), gary mcdowell (g), stephen
walker (key), mick conroy (b), richard brown (dr).
new wave-band. britische post-punker des jahrgangs
1979 aus colchester. 1981 debütalbum "mesh
& lace" bei '4 ad records'. mehrfach
umbesetzt, verblieb 1990 das trio grey, conroy
und aaron davidson (key,g,voc). trennung 1991.
1996 reformierung für eine tournee.
eigentlich fing alles mit the teardrop explodes
an. im zusammenhang mit deren treason
fiel zum ersten mal der name modern english.
ohne genau zu wissen, was sich dahinter verbirgt,
begann ich die suche danach.
wochen später kam mir meine freundin freudestrahlend
im mediamarkt entgegen und sagte, sie hätte
da was: modern english life in the
gladhouse, eine best of der jahre 1980-84.
schon wieder gesammelte werke, dachte ich. dennoch
eine guter anfang in einer nicht einfachen welt.
der einstieg wird aber nicht unbedingt beim kochenputzenbügeln
gelingen, es bedarf schon etwas mehr zeit, gefühl
und vor allem... dunkelheit. klingt zwar blöd,
ist aber wahr. im dunkeln erst erhebt sich der vorhang
und es
ist raum für riesige kulissen, geisterhafte
masken und ihre bewegungen.
musik wird zum theaterstück.
ein nach vorne drängender bass, aggressiv-melodische
gitarrenriffs , ein kraftvoll-treibendes schlagzeug
und hypnotische synthesizer, lassen
figuren entstehen, die ergreifen. in diesem zusammenhang
möchte ich besonders einen moment hervorheben.
black houses, ein titel vom 81er debütalbum
mesh & lace, nach 4 minuten und
4 sekunden - wie eine gespannte feder, die sich
zusammenzieht und dann auseinanderknallt. dinge,
die man am tag leicht übersieht.
über das best of-album hinaus, möchte
ich auf jeden fall noch after the snow,
die zweite platte aus dem jahr 1982, empfehlen.
denn darauf befinden sich neben dem singlehit i
melt with you noch die titel someone´s
calling und face of wood, zwei
meiner persönlichen favoriten, welche bei den
gesammelten werken fehlen.
matt
eggstone vive la différence (vibrafon
records 1997)
es gibt bands, die habens mit dem plattenveröffentlichen
nicht so eilig. da spielen die musiker in verschiedenen
nebenprojekten, betreiben zusätzlich tonstudios
oder liegen einfach auf der faulen haut (das mutmaßen
wir jetzt mal so). der fall eggstone ist hierbei
ein ganz gravierender:
eggstone sind per sunding (gesang/bass), patrik
bartosch (gitarre) und maurits carlsson (schlagzeug)
und mit sicherheit die relevanteste schwedische
popband der 90er. 1986 gegründet, haben sie
mittlerweile drei studioalben, sowie diverse ep´s,
singles und compilations veröffentlicht. vive
la différence ist dabei die aktuelle
und bislang dritte lp und 1997 auf vibrafon records
(schweden) erschienen.
eine aktuelle platte die fünf jahre alt
ist, das ist hart. um eines gleich klarzustellen:
vive la différence ist eine wahnsinns-lp,
ganz nah dran am perfekten popalbum. feinfühlig
arrangierte songperlen, in welchen streicher, bläser,
xylophone mit noisy gitarren und bässen einhergehen,
dabei aber immer artig aufeinander
rücksicht nehmen. songwriting eins plus, verpackt
in liedtitel wie marabous, il
trascurato oder supermeaningfectlyless.
super. und dann dieser gesang! wie kann ein mann
solch eine traurige stimme haben? kein zweifel,
per sunding hat die traurigste stimme der welt.
morrissey ist knapp raus, starsailor eh.
vielleicht muß man sich das folgender-maßen
vorstellen: es gibt da irgendwo in schweden einen
großen see, in dem die wundervollsten melodien
glitzernd in der sonne schwimmen. die hiesigen musiker
treffen sich täglich hier zum fischen und bringen
abends manch reichen fang nach hause. wenn die herren
eggstone aber am ufer erscheinen, treten alle unaufgefordert
zur seite, da die farbenfrohsten und schönsten
melodien für sie reserviert sind. so oder ähnlich
muß das irgendwie ablaufen. ansonsten ließe
sich vive la différence nicht
erklären.
neulich fragte mich eine charmante junge dame beim
tanze, ob sich denn eggstone nun doch aufgelöst
hätten. beunruhigt wandte ich mich an den dj,
der meine ängste etwas zerschlagen konnte.
aufgelöst nicht, aber selbst in schweden warten
die menschen ungeduldig auf ein lebenszeichen dieser
großen band. seit fünf jahren schon.
das ist so gemein!
mario |