modeheftplatten

 

erdmöbel – fotoalbum (tapete records)

„wir waren boot gefahren, bis runter nach bingen. da warst du weinkönigin. weißt du noch wie wir schrien?“

“erst kamen die vielen monate mit wörtern und melodien in den computern hinter glasbausteinen und die kaffee- und eispausen. es folgten kurze bis endlose fahrten, vorne wir und hinten das musik-geschäft, in schwarzen und weißen kleinbussen, mit ausflugs-glück und erschöpfungen. zu allen tageszeiten arbeiteten wir in hallen, sälen, kellern, dachge-schossen. und nach so vielen stunden vor tausenden freund-licher augen und nur einem arsch in belgien war uns wieder danach die mikrofone aufzubauen. wir setzten uns und spielten drei oktobervormittage lang die songs, mit denen wir unterwegs waren. live und ohne tricks, neu und wie es uns gefiel. es ging darum, jetzt von uns und den liedern einfache fotos zu machen.“

soweit das booklet. die rezension ist hier zuende, eigentlich. vielleicht noch, dass diese platte alles ist:
best-of, einsteiger-album, erwachsenenplatte, gedicht-band. es sind großartige fotos geworden, schön bunt, besonnen und einfach. raus mit dem elektro-gefiepe, dafür rein mit der alten westerngitarre, wurlitzer, akkordeon und kontrabass. und von hinten schnaubt manchmal eine orgel oder seufzt, ganz milde, zu markus berges´ einzigartigen textzeilen. mit berges möchte man an der reling eines ausflugdampfers stehen, wenn sonne ist und das wasser glitzert. man blinzelt und schweigt, nur ab und an interessierte gespräche über hausmannskost. den blick aufs wesentliche. so in etwa funktionieren erdmöbel, ihre texte, die läufe, die rhythmen. oder einfacher: herrlich unprätentiöse band macht eine der besten deutschen popplatten überhaupt. live und ohne tricks.

„das lied ist aus und sie steht da. lächelt irgendwie und abgetrocknet als er sagt: hey, du weinst ja.“

mario cetti

„fotoalbum“ von erdmöbel ist nur als limitierte cd-version erschienen und ausschließlich über www.erdmoebel.de oder direkt bei glitterhaus zu beziehen.

 

rufus wainwright – “want one“ & “poses” – eine liebesgeschichte
“why´d you have to break all my heart? couldn´t you have saved a minor part?”

hochsommer 2003 - und der
war sehr sehr heiß. ein junge und ein mädchen sitzen, spät-abends noch, an der elbe und trinken bier. irgendwo und ein paar ecken weiter grillt be-stimmt jemand würstchen, im unterhemd und die gourmet-saucen gleich nebenan. der junge ist verliebt in das mädchen, hat den abend arrangiert. sie weiß es vielleicht, sagt aber nichts. ist einfach nur zauberhaft. so prüft man einander, behut-sam, will wissen und hält spiegel vor. da träumt der junge kurz: er rutscht zu ihr, fragt „heiratest du mich mal?“ – sie bejaht. ein zarter kuß, dann schweigen, stundenlang. stattdessen das mädchen: „irgendwie finde ich, du wärst ein toller schwuler“. tiefschlag. hier läuft
was falsch merkt der junge, ist aber entschieden zu verliebt um sich gleich gekränkt zu fühlen. kurz nur denkt er an rufus wainwright, einen noch jungen, dennoch phantastischen amerikanischen musiker. der ist schwul und schreibt die wundervollsten lieder. auch übers schwulsein, mit zuweil großem orchestralen bombast, aber auch kleine stücke, die ganz wahn-sinnig fragil und verletzlich sind.
„all these poses, such beautiful poses, makes any boy feel like picking up roses” summt der junge. sie: “is` was?“. „nein“, antwortet er. stille zwischen den beiden, nur der fluß mogelt sich flüsternd vorbei. so sitzen sie, der junge und das mädchen, und fast ist es, als ob von ferne einer ravel´s bolero anstimmt.

man geht nach hause, viel später, aber ohne kuß.


es ist fünf uhr dreißig morgens. der junge grübelt über ihrem satz, mit kopfhörern
auf den ohren. rufus wainwright singt “i
did go from wanting to be someone, now
i´m drunk and wearing flip-flops on fifth avenue…”
. manchmal klingt er wie ein schnorchelnder tenor, findet der junge, dann wieder singt wainwright wie ein gott in weißem hermelin, dabei so anders und untypisch phrasiert. im hintergrund wärmen die dicken bäuche der streicher, ein träumerisches klavier gibt den takt. manchmal dann der ausbruch, mit treibendem, energischen schlagwerk. nicht auszudenken, wenn sich wain-wright der divine comedy anschliessen würde... so sitzen sie, der junge und der rufus, schwärmen, leiden und lieben um die wette. es ist schon früh.


der junge weiß jetzt, dass er unglück-lich verliebt ist. trotzdem lächelt er. er malt sich aus wie das ist, einmal kinder zu haben, die auf seinem dicken vater-bauch indianer spielen. denen wird er dann irgendwann erzählen, dass er ganz früher einmal schwul gewesen ist. für eine nacht und wegen einem mädchen. dem ist er, im übrigen, dafür noch bis heute dankbar.

-wouldn´t it be a lovely headline:
“life is beautiful” on the new york times- (rufus wainwright)

www.rufuswainwright.com

mario cetti

 

kaizers orchestra – ompa til du dør

es gibt bestimmte sachen, für die man sich zeitlebens eigentlich nie zu schämen braucht: niemals in furth im wald gewesen zu sein beispielsweise. aber auch eine stoische unbelecktheit hinsichtlich entstehung und wirkung der warmen passatwinde bleibt in aller regel gesellschaftlich ohne nennenswerte konsequenzen. manchmal jedoch rächt sich das leben,
kommt sozusagen unverhofft von links hinten und zieht prompt mit
tempo 200 aufdringlich hupend vorbei.

der konkrete fall: da machen sechs junge norweger, namentlich kaizers orchestra und allesamt in den mitzwanzigern, ein debütalbum
das phantastischer nicht sein könnte und singen –
ja gibt´s das – in norwegisch! eine sprache für
die wir uns doch kollektiv in all den jahren nicht
die bohne interessiert haben! so sitzt man also
vor der heimischen anlage, kopfhörer im ohr,
booklet auf den knien, und ist (unter zuhilfe-
nahme der freundlicherweise mitgelieferten englischen übersetzung) peinlich bemüht, die indolenz vergangener tage zumindest ansatz-
weise auszubügeln. „parfymert“ heißt demzufolge parfümiert, „helvete“
meint hölle und „dekk bord“ sagt man zum tischdecken. aha. aber „ompa
til du dør
“? könnte man, mal sehen, etwas salopp mit „humpa, humpa, bis
du tot umfällst.“ übersetzen. womit wir endlich beim eingemachten wären:

kaizers orchestra begeistern sich für polka, dies als schlagzeile, und liefern nach deren anreicherung durch krachende rockgitarren sowie allerlei von autofelgen oder schmierigen ölfässern herrührendem geschepper ein potpourri, welches als serbische erstkommunionsfeier meets finnische eishockeyaufstiegsparty meets katerfrühstück am oslo-fjord um sieben in die historie eingehen wird. als musiker nennt man das dann „rock, with a major eastern european flavour“ und verweist skandinavisch-ehrlich auf tom waits. es rumpelt und groovt also gar herrlich, mit banjo, mandoline und akkordeon. geschrieen wird auch, so dass folglich der weg zu norwegens
bestem liveact 2002
kein langer war. überhaupt spielen die kaizers gut und gerne mal 150 auftritte
im jahr, was ihnen die norweger postwendend mit 90.000 verkauften platten danken – rekord für ein
debüt in norwegischer sprache!

Insgeheim freuen sich alle vermutlich aber auch einfach nur mächtig über eine band, welche ohne große schicke retro-zitate auskommt, dafür aber längst verschollen geglaubte musiktraditionen unverkrampft am lichten schopfe packt. und weiß gott ist das in diesen wilden zeiten selten geworden.

auf dem merkzettel können wir demnach folgendes notieren: 1. kaizers orchestra mit dem skandinavischen frische-siegel versehen und neben ray wonder und den mopeds im schmuckkästchen einordnen 2. livekonzerte dieser band niemals nicht verpassen 3. das volkshochschulprogrammheft 2004 nicht unachtsam in die tonne werfen – es könnte ja nochmal nützlich sein...

mario cetti

 

bibel statt playstation

minimalismus und neokonservative ideologie: schlaglichter auf das derzeit gefeierte bandmodell white stripes

schlägt man dieser tage beliebige feuilletonseiten oder musikzeitschriften auf, wird man mit einer welle junger amerikanischer bands konfrontiert,
die - mehr oder weniger erfolgreich - versuchen, sich zwischen 60er-garagen-rock und 70er-punk neue musikalische nischen zu erobern.
waren die strokes vor 2 jahren noch angetreten, sich dem rock'n'roll im new-york-style in die arme zu werfen und nebenbei auch noch betörend hedonistische musik zu verbreiten, gibt es nun mit den white stripes ein anderes modell, das mehr mit washington zu tun zu haben scheint.

das duo megan (schlagzeug) & jack white (gitarre) gibt es schon länger:
mit ihrer dritten platte "white blood
cells" wurden die beiden detroiter bereits 2001 zu international gefeierten stars. seither scheinen ihr ruhm und ihre popularität ständig zu wachsen: das erscheinen ihrer neuen lp "elephant" wird in sämtlichen massenmedien als ereignis zelebriert. vom britischen nme wurde sie kürzlich bereits vor erscheinen unter die 100 besten lps aller zeiten gewählt. im selben magazin wurde jack white
zur "coolsten person des jahres 2002" gekürt. bleibt die frage: was ist - abgesehen von der auf gesang, gitarre und drums reduzierten musik -
an dieser band eigentlich "cool"?

zunächst fällt ihr eigenartiger farb- und zahlenmystizismus ins auge.
dazu jack white im interview mit der taz (04.04.2003): "drei farben: rot,
weiß und schwarz. ... alles dreht sich bei uns um die zahl drei. dabei steht schwarz vor allem im kontrast zu rot und weiß: als abwesenheit von farbe. das rot symbolisiert zorn und bewegung, das weiß steht für unschuld und feingefühl." diese heilige farb-dreieinigkeit wird immer wieder auf ihren tonträgern, ihren konzerten und in ihrer kleidung hergestellt. was bringt erwachsene menschen nur dazu, eine solche farbliche totalität zu präsent-ieren und diese auch noch mit schwergewichtigen begriffen aufzuladen? im zitat ist die rede von "zorn" als scheinbar permanentem affekt. leider
erfährt man nicht, wer denn da worüber zornig ist und auch nicht, wie
der begriff der "bewegung" gemeint ist. sicher geht es hier um harmlose marotten oder schlimmstenfalls um die ästhetische reinwaschung der konsumentenhirne. aber es wird interessanter.

die white stripes stehen als band und auch als individuen für eine
dezidierte technik- und medienfeindlichkeit, die sie plausibel herzuleiten versuchen. jack white: "ich denke eher, dass mobiltelefone und das
internet zur zerstörung von kulturen beitragen. die gesamte welt scheint
sich mehr und mehr auf einen kulturellen nenner zu einigen. (...) wenn ich nach deutschland komme, dann will ich eine deutsche kultur erleben, die
sich eigenständig zum ausdruck bringt und stolz darauf ist." leider ist in diesem zusammenhang nicht zu lesen, was jack denn für originär
"deutsche kultur" hält. neben dem handy und dem internet gerät auch das fernsehen in die kritik der band. meg white: "ich habe gerade ein buch gelesen, in dem das fernsehen als hauptursache der auslöschung von kulturen auf unserem planeten genannt wird. das finde ich interessant."
wirklich hochinteressant, meg. machen wir alle die glotze aus und sehen
mal, was so passiert. vermutlich verschwinden dann kapitalismus und krieg. und wir können uns auf ein gerechtes, friedliches leben in ethnisch und kulturell reinen stammesgesellschaften freuen.

in einem anderen interview beschwert sich jack nicht übers fernsehen, sondern über die heutige jugend und ihre heruntergekommene erziehung: "es ist traurig, die kids von heute zu sehen. sie sitzen herum, hören
hip-hop oder new metal, mit einer playstation und einer marihuana bong.
das ist ihr leben. es ist eine ganze kultur. und ihre eltern tun nichts dagegen." (new york times vom 09.03.2003). außerdem: "ich habe das gefühl, die erziehung entfernt sich von den natürlichen ideen und instinkten der männlichen und weiblichen persönlichkeit. diese werden geopfert für
die idee der gleichheit oder der antiautoritären erziehung." (the onion
vom 09.04.2003).
klingt alles nicht so nach den 60ern? stimmt. trotz ihrer musikalischen
bezüge scheinen die white stripes an den guten alten zeiten lange vor
dem rock'n'roll zu hängen. damals, als religiöse werte noch was galten
und papa das sagen hatte, war alles irgendwie netter und übersichtlicher. jack: "heute ist zum beispiel religion ziemlich unpopulär, die früher eine klammer für familien und gemeinschaften gebildet hat. und früher waren
auch die rollen von frauen und männern und kindern weitaus klarer
definiert. (...) aber es gibt bestimmte natürliche instinkte, die gerade die männliche oder weibliche persönlichkeit betreffen. frauen können gebären, männer nicht, das ist einfach eine natürliche tatsache. ich will dazu gedankenanstöße geben, denn ich glaube, dass die leute sehr verwirrt
über die frage sind, wie viel von der damaligen lebensform richtig oder
falsch war." (taz vom 04.04.2003)

ganz zurück zur natur wollen die white stripes dann aber doch nicht. für die aufnahmen ihres neuen albums "elephant" ging es nicht in den wald, sondern in ein kleines londoner studio, das ausschließlich mit analoger sixties-technik ausgestattet ist. hier konnte noch "ehrlicher" rock'n'roll entstehen und das gerade mal für 6000 britische pfund!
computer bei aufnahmen und digitale effektgeräte lehnen die white stripes ab - hier ist alles noch echte und hand-gemachte rockmusik. ein schelm, wer bei
ihrer ausdrücklichen betonung im booklet "no computers were used ..." an die ebenso heldenhaft konservativen queen denkt. auf deren platten stand in den 70ern noch regelmäßig "no synthesizers were used ...!".

um promotion für die neue lp zu betreiben, verschickte die plattenfirma des duos ausschließlich vinyl-alben an die musikpresse. natürlich ging es dabei nicht etwa um die angst vor mp3-kopien und dem damit möglicherweise verbundenen risiko für den hohen charts-einstieg, wie bei anderen bands. nein, die platte sollte - so jack white - nur von journalisten besprochen werden, die noch einen plattenspieler besitzen. erklärung: allein die
könnten die magie der aufnahmen einfangen! wenn er das wirklich ernst meint, wäre es allerdings nur konsequent gewesen, die platte auch für konsumenten ausschließlich auf vinyl zu veröffentlichen. und die schönen profite - auf die meg & jack ja bekanntlich keinen wert legen - für die künstlerische reinheit sausen zu lassen. diese reinheit ("purity") ist
schließlich sehr wichtig für die beiden geschwister. ebenso wie ihre
anderen ideale: unschuld, kindlichkeit, beschränkung, einfachheit und ehrlichkeit. ehrlich gesagt sind sie entgegen ihren behauptungen auch
keine geschwister. sondern ein geschiedenes ehepaar.

dass viele rock'n'roller nicht gerade für ein progressives und offenes gesellschaftsmodell stehen ist keine neuigkeit. aber eine solche affinität
zu neokonservativer ideologie ist bemerkenswert für musiker, die in der presse als neuestes nonkonformistisches modell bejubelt werden. das ist also die derzeit coolste band der welt! symptomatisch?

nightsounds & robert (pop8)

zuerst erschienen in: CEE IEH-Der Conne Island
Newsflyer Nr. 100.

 

the gentle lurch - five songs

the gentle lurch aus dresden sagen nein zum katholizistischen proberaumpomp. keine glamrockposter aus den späten 70ern, keine lümmelcouch, chill-out zone oder lichterketten-schnickschnack.
ein alter teppich und drei campingstühle, das muss reichen. daneben ein fröh-liches babylon aus tröten, japanischen 6-12jährigen-keyboards, sägen, wasch-brettern, rasseln, gitarren und weiteren artverwandten geräuscherzeugern.
und damit macht man sich dann an eine melange aus country-lofi mit rauer rockmusik und gewinnt en passant noch sämtliche genuinitäts-debatten auf studentischen wg-stehparties im flur.

jüngst erschien mit "five songs" die erste "vorzeigbare" (o-ton der band) ep der vier jungen musiker um mastermind lars hiller. understatement also, doch keinesfalls als blanke attitüde, sondern vielmehr aus überzeugung. kein rockstargequatsche,
viel lieber fünf lieder mit kleinen schönen geschichten im perfekten arrangement.
und hier wird’s jetzt anspruchsvoll - man wechselt im laufe der platte gerne: sänger, geräte, tempi. americana-gitarren-wahnsinn aus sachsen, hat man nicht oft. da winkt mal eben calexico, dann aber
doch der lange lambchop-seufzer.
zuhören ist wie draisine fahren in missouri. auf der graden alles prima, mit landschaft, sonne und väterlich-ernster stimme von lars hiller. dann geht’s den hügel runter, slidegitarrengewitter und rumpelschlagzeug, rockröhre von alexander dähne, schweiss, schmerz, schreien, erschöpfung. mit nassem hemd dann wieder geradeaus.
und die bohnen dann heute abend, versprochen.

mario

wer ne platte will, drückt dem verfasser einfach mal nen rohling in die hand. codewort: "burn baby, burn!"

coole typen zur cocktailparty

als der radical chic schwarz wurde: das trikont-label widmet sich in einer neuen compilation
dem politischen soul rund um die us-amerikanische black-panther-bewegung. bis in die gegenwart des aktuellen asian-dub wird dabei der bogen gespannt.

während der rede des kalifornischen gouverneurs, ronald reagan, wird es plötzlich ungemütlich: 30 männer und frauen der black panther party (bpp) erklimmen die stufen
seines amtssitzes in sacramento. sie sind ganz
in schwarz gekleidet, einige tragen sonnenbrillen und schwarze baretts. in ihren händen halten sie gewehre und pistolen. ihr anführer bobby seale verliest ihre botschaft in die laufenden kameras: "die black panther party
for self-defense glaubt, dass für die schwarzen die zeit gekommen ist, sich gegen den terror (der polizei) zu bewaffnen, bevor es zu spät ist … ein volk, das so viel für so lange zeit unter einer rassistischen gesellschaft erlitten
hat, muss irgendwo die grenze ziehen." dieser medienträchtige auftritt der bpp bedeutete gleichzeitig das ende des alten civil rights movement und
den beginn einer neuen phase im emanzipationsprozess der
afroamerikaner in den usa: "say it loud - im black and im proud", shoutete james brown und gab der black-power-bewegung ihre hymne. "black & proud" wurde zum schlachtruf der schwarzen selbstermächtigung. diese sollte aus sicht der black panthers, die sich als avantgarde in diesem befreiungskampf verstanden, zur not auch mit waffen durchgesetzt
werden. statt der bibel und gandhi zirkulierten jetzt texte von frantz
fanon, mao tse-tung und che guevara.

der musikjournalist und dj jonathan fischer hat nun einen sampler zusammengestellt, der den sound jener zeit rekapituliert: von den
klassikern des message-souls wie sam dees "heritage of a black man"
über "brand new day" von der gospelgruppe staple singers bis zum in
bester james-brown-manier vorgetragenen funkstück "be black" von grady tate. solche titel artikulierten ein neues schwarzes selbstbewusstsein.
doch die wenigsten der vertretenen bands dürften mit der militanten panther-ideologie konform gegangen sein. insofern spielt "black & pround" mit dem radical chic der black panthers, der damit gleichzeitig um die musikalische facette reicher wird.

das image der black panther war einer selbstdarstellung geschuldet, die schwarzen glam bewusst mit einem paramilitärlook kombinierte. das auftreten drückte unverletzbarkeit und stolz aus und machte ihr anliegen attraktiv. doch während society-stars wie leonard bernstein es plötzlich hip fanden, sich die supercoolen typen zur cocktailparty zu laden, war, wie tom wolfe im aufsatz "radical chic" beschreibt, die zerschlagung der black panthers bereits in vollem gang: huey newton stand wegen angeblichen mordes vor gericht, ein dutzend büros der panther wurden vom fbi gestürmt und fred hampton,
der chef der chicagoer panther, im schlaf erschossen.

anders als der inhaltsleere raf-chic im kino ("baader") funktioniert die compilation "black & proud" vor allem aber durch ihren bezug zu aktuellen politischen debatten: die letzte warnung der brothers keepers oder die politischen lyrics auf "community music", dem letzten album der britischen asian dub foundation, legen einen solchen brückenschlag nah. so ist die asian dub foundation auf "black & proud" ebenso vertreten wie der public-enemy-rapper chuck d.

während letzterer "down to now" von den last poets featuret, ist die asian dub foundation zusammen mit assata shakur, der ehemaligen black-
panther-aktivistin und tante des ermordeten rappers tupac shakur, ins
studio gegangen. auf kuba, ihrem exil, entstand das stück "reluctant
warrior" - "unfreiwillige kämpfer", ein bewusster schulterschluss
zwischen dem gestern und dem heute.

diverse: "black & proud. the soul of the black panther era, vol. 1 & 2"
(trikont)

robert
(taz nr. 6946 vom 6.1.2003, seite 15)




modern english

robbie grey (voc,g), gary mcdowell (g), stephen walker (key), mick conroy (b), richard brown (dr). new wave-band. britische post-punker des jahrgangs 1979 aus colchester. 1981 debütalbum "mesh & lace" bei '4 ad records'. mehrfach umbesetzt, verblieb 1990 das trio grey, conroy und aaron davidson (key,g,voc). trennung 1991. 1996 reformierung für eine tournee.


eigentlich fing alles mit the teardrop explodes an. im zusammenhang mit deren „treason“ fiel zum ersten mal der name modern english. ohne genau zu wissen, was sich dahinter verbirgt, begann ich die suche danach.
wochen später kam mir meine freundin freudestrahlend im mediamarkt entgegen und sagte, sie hätte da was: modern english „life in the gladhouse“, eine best of der jahre 1980-84. schon wieder gesammelte werke, dachte ich. dennoch eine guter anfang in einer nicht einfachen welt.

der einstieg wird aber nicht unbedingt beim kochenputzenbügeln gelingen, es bedarf schon etwas mehr zeit, gefühl und vor allem... dunkelheit. klingt zwar blöd, ist aber wahr. im dunkeln erst erhebt sich der vorhang und es
ist raum für riesige kulissen, geisterhafte masken und ihre bewegungen.

musik wird zum theaterstück.

ein nach vorne drängender bass, aggressiv-melodische gitarrenriffs , ein kraftvoll-treibendes schlagzeug und hypnotische synthesizer, lassen
figuren entstehen, die ergreifen. in diesem zusammenhang möchte ich besonders einen moment hervorheben. „black houses“, ein titel vom 81er debütalbum „mesh & lace“, nach 4 minuten und 4 sekunden - wie eine gespannte feder, die sich zusammenzieht und dann auseinanderknallt. dinge, die man am tag leicht „übersieht“.

über das best of-album hinaus, möchte ich auf jeden fall noch „after the snow“, die zweite platte aus dem jahr 1982, empfehlen. denn darauf befinden sich neben dem singlehit „i melt with you“ noch die titel „someone´s calling“ und „face of wood“, zwei meiner persönlichen favoriten, welche bei den gesammelten werken fehlen.

matt



eggstone – vive la différence (vibrafon records 1997)

es gibt bands, die habens mit dem plattenveröffentlichen nicht so eilig. da spielen die musiker in verschiedenen nebenprojekten, betreiben zusätzlich tonstudios oder liegen einfach auf der faulen haut (das mutmaßen wir jetzt mal so). der fall eggstone ist hierbei ein ganz gravierender:
eggstone sind per sunding (gesang/bass), patrik bartosch (gitarre) und maurits carlsson (schlagzeug) und mit sicherheit die relevanteste schwedische popband der 90er. 1986 gegründet, haben sie mittlerweile drei studioalben, sowie diverse ep´s, singles und compilations veröffentlicht. „vive la différence“ ist dabei die aktuelle und bislang dritte lp und 1997 auf vibrafon records (schweden) erschienen.
eine aktuelle platte die fünf jahre alt ist, das ist hart. um eines gleich klarzustellen: „vive la différence“ ist eine wahnsinns-lp, ganz nah dran am perfekten popalbum. feinfühlig arrangierte songperlen, in welchen streicher, bläser, xylophone mit noisy gitarren und bässen einhergehen, dabei aber immer artig aufeinander rücksicht nehmen. songwriting eins plus, verpackt in liedtitel wie „marabous“, „il trascurato“ oder „supermeaningfectlyless“. super. und dann dieser gesang! wie kann ein mann solch eine traurige stimme haben? kein zweifel, per sunding hat die traurigste stimme der welt. morrissey ist knapp raus, starsailor eh.
vielleicht muß man sich das folgender-maßen vorstellen: es gibt da irgendwo in schweden einen großen see, in dem die wundervollsten melodien glitzernd in der sonne schwimmen. die hiesigen musiker treffen sich täglich hier zum fischen und bringen abends manch reichen fang nach hause. wenn die herren eggstone aber am ufer erscheinen, treten alle unaufgefordert zur seite, da die farbenfrohsten und schönsten melodien für sie reserviert sind. so oder ähnlich muß das irgendwie ablaufen. ansonsten ließe sich „vive la différence“ nicht erklären.

neulich fragte mich eine charmante junge dame beim tanze, ob sich denn eggstone nun doch aufgelöst hätten. beunruhigt wandte ich mich an den dj, der meine ängste etwas zerschlagen konnte. aufgelöst nicht, aber selbst in schweden warten die menschen ungeduldig auf ein lebenszeichen dieser großen band. seit fünf jahren schon. das ist so gemein!

mario

   
start   lichtbild   modeheft   gästetreff   kontakt     pop8 als marke
  start   lichtbild   modeheft   gästetreff   kontakt